Im Frieden wie im Krieg braucht es Heroen : Held ist, wer aushält

Der Philosoph Dieter Thomä sinniert über Heldentum in der Demokratie.

Konstantin Sakkas

Das Heroische ist undemokratisch: Diesen Ausgangsbefund stellt der St. Galler Philosophieprofessor Dieter Thomä – und will ihn widerlegen. Das ist zwar nicht mehr ganz so originell, weil längst eine Diskursverschiebung zurück zum Heroischen stattgefunden hat, aber darum nicht minder schwierig: Denn „es ist die Zeit der Kriege und Epopöen nicht mehr“, heißt es schon in Thomas Manns „Lotte in Weimar“, und ebendort: „Der große Mann ist ein öffentliches Unglück.“

Nun müssen Heroen heute nicht mehr Männer und schon gar nicht Krieger sein. Der Held von heute dient der allgemeinen Sache, er ist Vorreiter, zu dem die demokratische Mehrheit weniger aufschaut, als dass sie in ihm eine bessere – künftige? – Version von sich selbst erblickt. Freilich ist diese Zuschreibung eine vorwiegend westliche, genauso wie die problematischen Epochenzuschreibungen „Posthistoire“ und „Postheroismus“: Wer nämlich im „Post“ lebe, so Thomä, grenze sich von etwas ab, ohne das er doch nicht leben könne.

Nelson Mandela, der Held

Im globalen Süden dagegen, für den die Geschichte 1990 durchaus nicht zu Ende ging, haben Helden wie Nelson Mandela, der 27 Jahre lang im Gefängnis saß, durchaus noch etwas von jener unnahbaren Übermenschlichkeit, die die Helden unseres heroischen Zeitalters ausmachte: Schmerzensmänner und -frauen wie Fridericus, vom Politischen mehr gebrochen als fürs Politische lebend. Ihr ewiger Archetypus ist Odysseus polytlas, der Vielerdulder, auf den Thomä erfreulich ausführlich eingeht, ohne doch die eigentliche Erkenntnis auszusprechen: dass das klassische Heroische recht eigentlich immer ein privates war – und, paradox genug, gerade erst im Posthistoire politisch wurde.

Die Archetypen des posthistorischen Heroismus aber findet Thomä in den Superhelden à la Marvel & Co., Helden der Präpubertät, die ohne ihre Superkräfte zwar von höchst allzu menschlicher Alltäglichkeit sind, aber eben auch und vor allem Helden der Emanzipation, man denke an Black Panther und Wonder Woman. Die Seelenqualen und das Außenseitertum des klassischen Helden aber sieht man ihnen, wie Jean Grey („Dark Phoenix“), kaum mehr an.

Dass Thomä den Gegenbegriff zum Helden im Opfer sieht, macht es nicht besser, auch wenn er zugleich damit Viktimisierungsdiskurse à la „MeToo“ einer kritischen – und nötigen – Prüfung unterzieht. Tatsächlich ist, siehe Odysseus, der wahre Held immer ein Opfer, das zum Helden wird, weil sich sein Opfergang eben auf großer Bühne vollzieht. Die politische Aussage dagegen spielte auf dieser Bühne nie die erste Geige.

Aktivisten sind etwas anderes

Thomäs Helden von heute – ein wenig überzeugendes Beispiel ist ihm der Youtuber Rezo („Die Zerstörung der CDU“) – sind dagegen wohl eher Aktivisten. Eine Ausnahme mag Greta Thunberg sein, die junge schwedische Galionsfigur der Klimabewegung, hinter deren Ergriffenheit, ja Besessenheit das eigentliche Anliegen mitsamt dem zu seiner Durchsetzung nötigen Egoismus zurücktritt. Doch gerade Greta, die sagt, sie könne das CO2 förmlich „sehen“, wird von Thomäs Erörterung nur gestreift; die „Spannung zum Grund“, wie der Politologe Eric Voegelin das genannt hat, der Transzendenzbezug – diese essenziellen Komponenten des Heldentums finden bei ihm keine Resonanz.

Thomä differenziert zwischen Helden der Übererfüllung, wie den Feuerwehrmännern vom 11. September, und solchen der Überwindung, deren Heroismus nicht in der Pflichterfüllung, sondern der – moralisch begründeten – Pflichtverletzung liege; zwischen altruistischen Helden, die mit dem Rapper KontraK „die Schwachen beschützen“, und holistischen, die logischerweise für das große Ganze kämpfen; Helden der Verfassung, die Zivilcourage im Bestehenden zeigen, und Helden der Bewegung, die das Bestehende revolutionär überwinden wollen. Alles schön und gut – und doch ein wenig unsexy, unheroisch, sofern man zum Kernbestand des Heroischen eben auch das Schmutzige, Zerrissene, durchaus auch das Egozentrische zählen mag.

Der Whistleblower

Dass Thomä überdies einen Helden der Überwindung gerade in Edward Snowden feiert – der ehemalige CIA-Mitarbeiter legte das Ausmaß US-amerikanischer Überwachung offen –, kann man nach dem, was wir heute über russische und chinesische Spionage wissen, durchaus kritisch sehen. Dankbar darf man ihm dagegen dafür sein, dass er die nicht totzukriegende Legende vom „heroischen Kapitalismus“ entkräftet – und dies mit der geradewegs niedlichen Wendung, Kapitalismus und Heroismus sollten eine „bewusste Entpaarung“ vollziehen „wie Gwyneth Paltrow und Chris Martin“.

Heldenverehrung, schreibt Thomä, sei ohne Ungleichheit nicht denkbar – und passe dennoch zur Demokratie. So optimistisch das klingt: Da darf man seine Zweifel haben. Denn wesentlich für das Heroische ist neben dem Moralischen vor allem eines: ein unbeugsamer Individualismus, der nicht nur auf einen „höheren Zweck“ oder eine res publica verweist, sondern auf etwas, was – sei sich auch der Held, die Heldin selber dessen nicht bewusst – nicht von dieser Welt ist.

Gemeinplätze sind keine Heldentaten

Zwar kann diese Tendenz abgleiten in einen weltfeindlichen Fundamentalismus – Thomä spricht von „Trotzhelden“ , doch das bloße Aussprechen und Propagieren von Gemeinplätzen, dem wir in der heutigen Klimabewegung begegnen, macht einen noch nicht zum Helden. Das Sich-ins-Nichts-Stellen der Seenotretterin Carola Rackete, auf deren humanitärer Mission „Handeln“ und „Aushalten“ am Höhepunkt in eins fielen, dagegen schon eher.

Dieter Thomä: Warum Demokratien Helden brauchen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Heroismus. Ullstein Verlag, Berlin 2019. 272 S., 20 €.

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