Was macht die Apokalypse? : Klaus Vondung deutet unsere Zeiten

Apokalypse

Konstantin Sakkas

Das Ende der Geschichte ist 1990 nicht eingetreten. Wohl eingetreten aber ist eine fundamentale Umwälzung des menschheitlichen Selbstverständnisses. Weltuntergangsvisionen waren vordem ob der Ubiquität von politischer Gewalt und biologischer Ohnmacht gegenüber den Naturgewalten einerseits essenzieller, andererseits abstrakter, da der Mensch sich ohnehin der Erde – und damit der Welt, denn der Himmel war auch im übertragenen Sinne der „Himmel“ – hoffnungslos unterlegen fühlte.

Bereits seit Hiroshima hat sich das umgekehrt. Die „Möglichkeit unserer Selbstauslöschung“ (Günther Anders) ist eine konkrete Option geworden – was sie zugleich trivialisiert hat. Im gleichen historischen Atemzug transformierte sich auch unser Verständnis von Erlösung – dem Gegenpol der Zerstörung – weg von der Jenseitigkeit gottergebener Zeiten hin zur technischen Herstellbarkeit „diesseitiger Transzendenz“.

Ein "Brevier"

Diesen Doppelkomplex – menschliche Selbstauslöschung und „Transzendenz der menschlichen Natur“ – diskutiert der emeritierte Siegener Germanist Klaus Vondung unter dem Titel „Apokalypse“. Sein neues Buch ist freilich nicht jene wissenschaftliche Abhandlung über das künftige Wesen von Mensch und Geschichte, die vielleicht das größte Desiderat der gegenwärtigen Geisteswissenschaft ist, sondern „nur“ ein Brevier, das den Leser über den Stand der Apokalypse-Diskussion informieren will.

Vondungs Buch krankt allerdings daran, dass es zwei Komplexe miteinander verknüpft, die zwar gern zusammengedacht werden, aber nicht wirklich zusammengehören: einmal politische Apokalyptik à la Nationalsozialismus und Kommunismus mit ihren Massenverbrechen, die ja im Namen einer finalen Weltverbesserung geschahen; zum anderen aber der technische Fortschritt, der sich selbst zwar ebenso herausfordernd als Heilsgeschehen geriert, aber, anders als Ersteres, tatsächlich eine Weltverbesserung bedeutet. Niemand würde die lebensverbessernden Eigenschaften etwa der Elektrotechnik ernsthaft bestreiten.

Über den Cyborgismus

Auch Vondung schlägt – zaghaft, aber plausibel – eine Brücke von den Weltverbesserungsvisionen der Tech-Schickeria um Ray Kurzweil & Co. zur neuplatonischen Hermetik der Spätantike und bringt deren Schlüsselbegriff der Gnosis positiv gegen die Apokalypse in Stellung. Dass das Buch dann aber doch mit einem Kapitel über „apokalyptische Gewalt“, also Hitler, Stalin usw., schließt, ist so irreführend wie unnötig. Zu dem Thema ist gewiss niemals genug, wohl aber alles gesagt. Was bleibt, sind die gut vierzig Seiten über „Erlösung im Cyberspace“, die dem Leser einen gelehrten und intelligenten Einblick in den aktuellen Cyborgism-Diskurs gewähren. Dafür lohnt sich das Buch allemal.

Klaus Vondung: Apokalypse ohne Ende? Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2018. 137 S., 18 €.