Literaturgeschichte : Türkisch für Anfänger

Der Ideenhistoriker Matthias Bormuth begibt sich auf die Spuren des Philologen Erich Auerbach im Istanbuler Exil.

Hendrikje Schauer
Zuflucht am Bosporus. Erich Auerbach 1944 in Istanbul.
Zuflucht am Bosporus. Erich Auerbach 1944 in Istanbul.Foto: Martin Vialon / Erich Auerbach-Archiv/ Universität Oldenburg

Erich Auerbachs „Mimesis“ ist legendär: ein Buch, das fast ohne Fußnoten auskommt und einer Philologie der Weltliteratur Flügel verleiht. Mythen ranken sich schon um seine Entstehung: Dass es überhaupt geschrieben wurde, verdanke sich, so geht die Geschichte, einer glücklichen Fügung im Unglück. Auerbach verlor 1935 seinen Marburger Lehrstuhl und musste aus Nazi-Deutschland fliehen. In Istanbul fand er Zuflucht und an der Universität eine neue Wirkungsstätte – allerdings unter erschwerten Bedingungen: Mangel an Büchern, Bibliotheken und internationalem Gespräch.

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Die glückliche Fügung kam wie eine List der Geschichte, verborgen im Gewand dieser Einschränkungen, so die Legende, an der Auerbach selbst mitgewirkt hat. Verknappung heißt das Zauberwort: Sie erlaubte das kühne Unterfangen, eine Geschichte der abendländischen Literatur zu entwerfen – in Etappen erzählt, von Homers „Odyssee“ und der „Bibel“ bis zu Virginia Woolfs „To the Lighthouse“. Wie komplex, spannungsreich, auch gefährlich Auerbachs türkisches Exil war, hat Kader Konuk 2010 detailreich herausgearbeitet – und die Legende vom einsamen Denker zurechtgerückt.

Der Philologe als Philosoph

Anders setzt der Oldenburger Ideenhistoriker Matthias Bormuth an, der dem „Kulturphilosophen im Exil“ nachspürt. Mit dem Titel ist der erste Akzent schon gesetzt: Der Philologe wird als Philosoph betrachtet, der auf den Spuren von Giambattista Vico und Michel de Montaigne wandert.

Die zelebrierte Verlassenheit des Istanbuler Exils bekommt dadurch einen anderen Dreh: Die Einsamkeit des Schriftstellers wird als literarischer Topos kenntlich, aber auch als Ingredienz einer Philosophie, die kulturkritisch und revolutionär zugleich sein will. Auerbach spiegelt sich in seinen Vorbildern, deren Werke er analysiert. Die schriftstellerische Einsamkeit wird als ideale Produktionsbedingung geradezu beschworen.

Bormuth interessiert sich für Ambiguitäten, schreibt gegen vereinfachende oder vereinnahmende Lesarten an: Er zeichnet nach, wie der Erste-Weltkriegs-Veteran im Exil zum Kosmopoliten wird, wie der nationale Horizont auch philologisch dahinschmilzt – mit dem Ergebnis einer „Philologie als Weltliteratur“ (1952). Bormuth verfolgt, wie sich der vertriebene jüdische Gelehrte von christlichen Fragestellungen leiten lässt, welche Spuren die Passionsdeutungen in seiner Literaturgeschichte hinterlassen.

„Mimesis“ selbst wird Bormuth zur „suggestiven Passionsgeschichte westlichen Denkens“. Auerbachs Zugriff auf Christentum und Säkularisierung, auf Leiddarstellung und Heilserwartung profiliert Bormuth im Kontrast zu den Ideen des „Schicksalsgefährten“ Karl Löwith und des Studienfreundes Walter Benjamin.

Verbeugung vor dem Grand Chef

Behutsam fließen briefliche Zeugnisse in das Porträt ein. Ist es verzweifelte Komik, wenn Auerbach 1937 an Walter Benjamin über den türkischen Präsidenten schreibt, der „grand chef“ sei ein „sympathischer Autokrat, klug, großzügig und witzig, vollkommen verschieden von seinen europäischen Kollegen“?

Die Ambivalenzen Auerbachs lässt auch eine Nachricht an Karl Löwith offenbar werden. Dieser hatte Auerbach 1953 seine kritische Abrechnung mit Martin Heidegger geschickt. Auerbach stimmt in der Hauptsache zu, ergänzt jedoch: „Was für ein großartiger Mann! Aber ich bin doch froh, dass ich ihm nicht in die Hände gefallen bin, als ich jung war.“

In den brieflichen Einsprengseln begegnet ein weniger kontemplativer Autor, der mit Launen und kleinen Eitelkeiten im Hier und Jetzt seinen Ort sucht. Die „angenehmste Enttäuschung“, vermeldete er nach Ankunft in Istanbul, sei die dortige „Mitarbeitergarde“ seines akademischen Lehrers Leo Spitzer, der Auerbach nach Istanbul geholt hatte, bevor Spitzer selbst in die USA weiterzog.

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Bereits 1934 beklagte Auerbach brieflich „mehr gelobt als gelesen“ zu werden, vergaß aber nicht hinzuzufügen, dass dies manchen „bedeutenden Autoren“ ebenso gegangen sei. Internationalen Ruhm erlangte Auerbach dann mit seiner Studie aus dem Exil. Sie öffnete die Tore nach Amerika – nach Deutschland kehrte er nicht zurück.

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