Literaturkolumne "Flugschriften" : Erziehung zu demokratischer Mündigkeit

Autonomie statt Gehorsam: Rose und Klaus Alheim haben ein wunderbares Buch über Kindererziehung geschrieben, das politisch hochaktuell ist.

Eine Polizistin bewacht eine jüdische Schule in Hamburg.
Eine Polizistin bewacht eine jüdische Schule in Hamburg.Foto: Axel Heimken/dpa

Autoritärer Stil hat Hochkonjunktur. Auf allen Kontinenten bringt das Begehren nach „starken Männern“, die es richten sollen, Nationalismen zum Brodeln. Je härter, je brutaler sich politische Führerfiguren wie der US-Präsident oder der „tropische Trump“ Jair Bolsonaro in Brasilien gerieren, desto dichter scharen sich ihre Fans um sie. Deren enthemmtes Gebaren wiederum korrespondiert mit dem der Idole; beide Ebenen, oben und unten, spiegeln einander. Unterdessen schwingen Bestseller die Rede davon, zu mild behandelte Minderjährige würden zu „Tyrannen“ mutieren, und Rapper mokieren sich offen über Opfer der Schoah.

Solchen aktuellen Phänomenen widmen sich Rose und Klaus Ahlheim in ihrem klugen, kompakten Band „Autonomie statt Gehorsam“, exzellentes Antidot wider grassierenden Neo-Traditionalismus und Antisemitismus. Einen Wecker liefern die Kinderanalytikerin und der Erziehungswissenschaftler hier, und sein klarer Klang frischt elementare Erkenntnisse auf, die vom Gebrüll der Gegenwart übertönt werden (Autonomie statt Gehorsam. Zu einer Erziehung nach Auschwitz. Verlag Klemm und Oelschläger, Münster 2018, 40 Seiten, 10 €).

„Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung“, hatte Adorno 1966 erklärt. Nicht allein seine „Studien zum autoritären Charakter“ hatten emanzipative Kräfte freigesetzt und die Hoffnung zugelassen, dass sich „durch Erziehung und Aufklärung ein Weniges unternehmen“ ließe gegen Barbarisierung. Wo er „Erziehung“ sagte, ging es dem psychoanalytisch geschulten Adorno vor allem um die frühe, prägende Kindheit, er betonte das oft. Doch fern davon, kitschig „Ein Herz für Kinder“ zu fordern, setzte Adorno auf Selbstreflexion, zunächst auf das Erkennen der Kälte, weshalb sich der Ahlheim-Band auch mit Johanna Haarers während und nach dem Nationalsozialismus millionenfach aufgelegten Ratgebern zur Erziehung befasst.

Abkehr von Sympathie und Wärme

1934 mahnte Haarer in „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, sich „nie ohne Anlass mit dem Kinde abzugeben“. Konsequente Abkehr von Empathie und Wärme müssten die Abhärtung der Kinder befördern. Strikte Still- und Fütterungszeiten, zu denen Haarer anwies, vergleicht das Autorenduo Ahlheim unter anderem mit der heutigen „Rationalisierung, Taktung und Rhythmisierung“ in der Pflege und mit der Zurichtung Heranwachsender auf eine maximale Ökonomisierung der Verhältnisse.

Gewöhne sich ein Kind daran, gewiegt und getragen zu werden, wenn es weint, hieß es bei Haarer, sei „der unerbittliche Haustyrann fertig“. Dröhnend hallt das Echo solcher Aussagen auch in aktuellen Debatten über Autorität gegenüber Minderjährigen wie Minderheiten wider. Und weniges hält dem Echo besser stand als empathische Texte von Analytikerinnen wie Rose Ahlheim. Empfohlen sei daher auch etwa ihr mitreißendes Buch zum Verstehen von Kindern: „Gitter vor den Augen. Innere und äußere Realität in der psychoanalytischen Therapie von Kindern und Jugendlichen“ (Brandes und Apsel, Frankfurt a. M. 2008, 24,90 €).

Ein Jahrhundert der Albträume

Johanna Haarer war im Jahr 1900 geboren, als Sigmund Freuds bahnbrechende „Traumdeutung“ erschien und die Schwedin Ellen Key mit „Das Jahrhundert des Kindes“ das erste, passionierte Plädoyer gegen Gewalt in der Erziehung publizierte. Weggeschwemmt wurden die Stimmen der Zivilisation schon bald von Nationalisten, Rassisten und Kriegstreibern, vor allem in Deutschland. Was folgte, war ein Jahrhundert der Albträume, eine Ära der Massenmorde.

Im Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vor wenigen Tagen erklärt: „Nationalismus begeht Verrat am Patriotismus.“ Wer nationale Interessen voranstelle, so Macron, habe keine Achtung vor denen der anderen – und keine Moral. „Autonomie statt Gehorsam“ gehört zu dieser Erkenntnis – und in jede liberale Jackentasche, spätestens an Weihnachten. Brillant rekapituliert der kleine Band die großen Etappen auf dem Weg aus ethischem Notstand zu demokratischer Mündigkeit, deren Ertrag es heute zu erhalten und auszuweiten gilt.

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