Lothar Müller über Freud : Die Materialkammer des Seelenforschers

Lothar Müller untersucht in seinem klugen Großessay „Freuds Dinge“, wie die alltägliche Umgebung des Psychoanalytikers seine Vorstellungen beeinflusste.

Hendrikje Schauer
Wohnt eine Seele in allen Dingen. Sigmund Freud als Wachsfigur in "Madame Tussauds Berlin" - nebst berühmter Patientencouch.
Wohnt eine Seele in allen Dingen. Sigmund Freud als Wachsfigur in "Madame Tussauds Berlin" - nebst berühmter Patientencouch.Foto: MIKE WOLFF

Tief, immer tiefer will die Psychoanalyse Sigmund Freuds sich ins Innere graben: Sie will verstehen, was hinter den Bildern und Vorstellungen, hinter den Träumen und den Fehlleistungen liegt. Sie geht aufs Ganze, sucht die Gesetze der Seele, die ihr zum Seelenapparat wird. Ihre Fragerichtung ist vertikal: bohrend, denn die Wahrheit liegt, so die methodische Prämisse, unterhalb der Oberfläche. Das Äußere und das Kurzlebige wird ihr zum Symptom, zum Zeichen oder Symbol.

Ausdrücklich an der Oberfläche, nämlich bei den Dingen, bleibt Lothar Müller. In seinem Großessay „Freuds Dinge“ gibt es eine ganz andere Dramaturgie: Nicht die psychoanalytischen Theoreme, ihre Adaption und Transformation, auch nicht das Leben ihres Urhebers, die Skandale und Affären, die Umbrüche und Neuanfänge stehen im Zentrum. Wenn der Erzählvorhang fällt, treten Freuds Objekte auf die Bühne: vom weniger bekannten Mikrotom über die berühmte Couch bis zum ikonischen Wunderblock. Sie ziehen nicht in alphabetischer Ordnung vorüber, auch bekommt längst nicht jedes Objekt seine eigene Szene.

Die Dinge leben in Freuds Metaphern und Gleichnissen

Müllers Erkundungsgang beginnt im Labor und damit bei den medizinischen Anfängen Freuds. Weil die Geburt der Psychoanalyse für Freud zugleich den Abschied von der akademischen Welt und damit den Abschied von Klinik und Laboratorium bedeutet, haben die Instrumente und Apparaturen der experimentellen Wissenschaft nur einen kurzen Auftritt – zumindest materiell. Sie leben fort in Freunds Metaphern und Gleichnissen, in der basalen Konzeption der Seele als „Apparat“ oder der kurzlebigen Idee einer „Lustpumpe“. Nur wer physikalisch geschult sei und im Labor hantiert habe, komme auf solche Vorstellungen. In den Dingen also, so der einfache wie durchschlagende Grundgedanke des Buches, materialisieren sich „Fragestellungen, Hypothesen, Theorien“.

Die Kernidee ist von illuminierender Kraft: Mischfotografie nannte man ein Verfahren, bei dem zahlreiche fotografische Porträts übereinandergelegt wurden und zu einem Bild verschmolzen: Aus vielen Köpfen wurde ein Typus. Sein Erfinder, der Engländer Francis Galton, wollte es auf heikle, nämlich rassentheoretische Weise kriminologisch nutzen. Nicht nur Freud, auch Wittgenstein ließ sich von dem Verfahren inspirieren. Sie führten es jedoch in unterschiedliche Richtungen: Bei Freud steht es für die Verschiebungen und Überblendungen in der Traumarbeit, bei Wittgenstein für Gemeinsamkeiten ohne feste Merkmalsgrenzen – die mittlerweile sprichwörtliche Familienähnlichkeit.

Freuds Lehren werden kulturhistorisch beleuchtet

Müller hat also keine Wunderkammer in Buchform geschaffen: Die Leserin oder der Leser soll nicht staunend erstarren oder in Ehrfurcht schauen angesichts der Fülle und Schönheit, angesichts der schieren Materialität und Eigentümlichkeit der Objekte. Auch Müllers „Dinge“ wollen etwas, verraten etwas, das über sie hinausgeht: Sie betten Freuds Lehren kulturhistorisch ein, beleuchten ihre Entstehung und Verbreitung. Als Philologe wandelt Müller dabei auf den Spuren von Sigfried Giedion, dem schon Walter Benjamin in seinem „Passagen-Werk“ Tribut zollte, später auch Richard Sennett in seiner Studie über den Niedergang der öffentlichen Sphäre. Giedion, der erst Maschinenbau, dann Kunstgeschichte studierte, später in Harvard unterrichtete, publizierte 1948 eine „anonyme Geschichte“ über die „Herrschaft der Mechanisierung“, die erst in den 1980er Jahren ins Deutsche zurückübersetzt wurde.

Sie handelt von Möbeln und Innenräumen, von der Mechanisierung und Elektrifizierung. Sein Studienmaterial fand Giedion nicht in den Bibliotheken. Stattdessen durchwühlte er die „Papierkörbe des 19. Jahrhunderts“ auf der Suche nach Reklamezetteln oder Gebrauchsanweisungen, so bemerkte ein euphorischer Hans Magnus Enzensberger in seiner Rezension der deutschsprachigen Ausgabe.

Im Dienst der Aufklärung

Müllers Unterfangen ist komplizierter: Auch er gräbt vergessene Annoncen aus, etwa das Inserat im Anzeigenteil des „Neuen Wiener Tageblatt“, das im September 1922 den Wunderblock anpreist. Ohne Freud wäre die erfolglose Erfindung wohl längst vergessen. Müller verfolgt, wie sich der neue technische Alltag in die Traumwelten schleicht, wo Apollokerzen und andere Produktnamen spuken. Er zeichnet nach, wie Freud in der Einrichtung der Praxis- und Wohnräume, erst in Wien, später in London, einer orientalischen Mode folgt und diese zugleich umfunktioniert: Die geknüpften Teppiche, der Diwan, mit Kissen drapiert, werden zu Kippfiguren: In die Gegenwelt der Muße zieht heimlich die Wissenschaft ein. Das gehöre zu Freuds Erfolgsgeheimnis, ebenso die geschickte Nutzung von literarischen Markennamen: seine Umdeutung der Mythen. Müller mag bei den Dingen verharren, an der Oberfläche bleibt er nicht. In einem Punkt zumindest konvergiert seine horizontale Freud-Lektüre mit der vertikalen Psychoanalyse: Gegen die Mythologisierung setzen beide die Aufklärung. Wie schön diese sein kann, zeigt dieser kluge und elegante Essay.

Lothar Müller: Freuds Dinge. Der Diwan, die Apollokerzen & die Seele im technischen Zeitalter. Die Andere Bibliothek, Berlin 2019. 420 Seiten, 42 €.

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