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Nach den Anschlägen von Paris: Mansour: „Wir unternehmen nichts, wir reagieren nur“

Der Autor und Psychologe Ahmad Mansour spricht im Interview über den Anschlag in Paris, über die Pegida-Bewegung und ein modernes Islamverständnis.

Herr Mansour, Sie sind Psychologe und äußern sich kritisch zum Islam. Was hat der Anschlag in Paris bei Ihnen ausgelöst?
Es hat mich noch entschlossener gemacht, genau das weiterhin zu tun. Natürlich reagiere ich auf jede Drohmail mit gemischten Gefühlen und etwas Bauchgrummeln, aber das gehört dazu. Mich stört, dass der Anschlag von Paris kein Einzelfall war. Es gibt eine lange Liste von Menschen, die von Terror betroffen sind, die in Angst leben und zum Glück noch nicht tot sind.

Welche Rolle spielt dabei der Islam?

Der Islam ist sehr vielfältig, aber mit einem bestimmten Islamverständnis hat dieser Fanatismus sehr wohl zu tun. Ich glaube, dass die Leute, die meinen, Anschläge wie in Paris hätten rein gar nichts damit zu tun, die Religion schützen wollen. Nur haben wir damit in den letzten Jahren kaum etwas erreicht. Wir haben keinen kritischen Diskurs begonnen und keine Reformation geschafft.

Was macht dieses problematische Islamverständnis aus?

Es basiert auf einer Pädagogik der Angst, also der Vorstellung von einem strafenden Gott. An der Religion ist kein Zweifel erlaubt. Menschen wie die Salafisten meinen, als Stellvertreter Gottes eine universell gültige Moral vorschreiben zu können. Schwierig ist außerdem die tabuisierte Sexualität und eine buchstäbliche, nicht sinngemäße Lesart des Koran. Ohne kritische Fragen zu stellen. All das kann die Grundlage dafür schaffen, derart brutal auf Karikaturen zu reagieren.

Inwiefern möchten Sie das Verständnis des Islam reformieren?

Ich möchte in den Familien beginnen. Dort braucht es eine neue Vaterrolle, neue Erziehungsmethoden, mehr Gleichberechtigung, die patriarchalischen Strukturen müssen aufgebrochen werden. Die Attentäter von Paris waren ja auch verlorene Seelen, das darf man nicht vergessen.

Können Sie das als Psychologe genauer erklären?

Ich habe ja schon einige radikale Jugendliche kennengelernt. Es sind oft instabile Persönlichkeiten, sehr gewaltaffin. Sie nutzen die Religion, um Anerkennung zu bekommen, lehnen die Gesellschaft ab. Aber eine Tat wie in Paris ist nicht allein psychologisch erklärbar. Da kommt vieles zusammen. Ohne die Ideologie wären radikalisierte Männer vielleicht trotzdem Gewalttäter, aber keine Gewalttäter im Namen der Religion.

Es braucht also zunächst eine innerislamische Diskussion?

Sie ist unverzichtbar, aber ebenso wichtig ist eine Debatte quer durch die Gesellschaft. Wir können die Radikalisierung mancher Muslime nicht als ein rein islamisches Problem diskutieren und genauso wenig als ein Schichten-, Identitäts- oder Bildungsproblem. Wie das funktioniert, darauf haben wir seit 9/11 nur noch keine zufrieden stellende Antwort gefunden. Auch nicht in den Schulen.

Pegida hat alles zum Stillstand gebracht

Inwiefern?

Wir müssen viel mehr in Schulen investieren. Es kann nicht sein, dass Jugendliche nach zehn Jahren ihren Abschluss machen, ohne die Werte in diesem Land zu kennen, ohne sich für Freiheit und Demokratie zu begeistern, ohne kritisch zu denken. Und: Es werden Millionen in den Islamunterricht investiert, aber es wird nicht geschaut, was für ein Islambild vermittelt wird. Ein modernes? Oder geht es doch wieder um einen Islam der Verbände, der weiterhin auf Angstpädagogik fußt und den Einzelnen entmündigt?

Woran fehlt es noch?

Nun ja. Der organisierte Islam ist in Deutschland politisch motiviert, und es gibt zu viele mächtige Leute, die kein Interesse daran haben, all diese Themen anzugehen. Sie möchten lieber in ihrer Opferrolle bleiben, statt kritische Stimmen zuzulassen und eine neue Interpretation des Islam zu etablieren. Vielleicht fürchten sie, dass ihre Legitimation wegfällt. Und dann haben wir Politiker, die diese ganze Debatte nicht differenziert genug führen und auch zu wenig fordern.

Und jetzt noch Pegida.

Ja, diese Bewegung hat fast alles zum Stillstand gebracht, was wir die letzten Jahre auf den Weg gebracht haben. Was ist mit den Debatten, die wir seit mehreren Jahren über Radikalisierung führen? Was war mit Theo van Gogh und Dänemark? Es handelt sich bei Pegida um kein neues Phänomen und auch nicht um eine kleine Welle, die zwei, drei Monate lang dauert und dann wieder vergessen sein wird. Leider. Doch wieder einmal reagieren wir nur, statt einmal ein langfristiges Konzept zu erarbeiten.

Was sind da Ihre Ideen?

Ich fordere kritische Stimmen, die keine Angst haben, ihre Meinung zu sagen. Salafisten und Hassprediger sollte es juristisch nicht möglich sein, ihre Propaganda so einfach wie jetzt im Internet, in Fußgängerzonen und in manchen Moscheen zu verbreiten. Wir müssen miteinander sprechen, diskutieren, den Menschen ihre Ängste nehmen.

Vor dem Islam?

Ja, denn die Pegida-Anhänger schüren diese Ängste nur noch mehr. Muslime nennen sie nicht kritikfähig und undemokratisch, aber selbst haben sie kein Interesse an einer differenzierten Debatte. Da kommen nur einfältige, ausländerfeindliche Parolen.

Ist es nicht auch ein Problem, dass die gemäßigten Muslime weniger sichtbar sind als die radikalen?

Leider, leider reden wir fast nur mit denen, die ein problematisches Islamverständnis haben, das ist wahr. Sie sind organisiert, bekommen Unterstützung aus dem Ausland. Aber die große Mehrheit lebt ihr Leben ganz normal, geht arbeiten, erzieht die Kinder, ist gläubig, ohne der Religion eine politische Dimension zu geben. Erst dann wird es so gefährlich, mit radikalen Gruppen wie Al Qaida, dem Islamischen Staat oder den Muslimbrüdern.

Wie optimistisch sind Sie, dass sich die Gesellschaft nicht zu sehr spaltet?

Ich hoffe, dass die vernünftigen Stimmen überwiegen, aber dafür brauchen wir mutige Journalisten und Politiker.

Wenn es nur noch Salafisten auf der einen Seite gibt, Pegida auf der anderen, und die Mehrheit bleibt zu Hause und guckt Talkshows, dann wird es wirklich gefährlich.

Ahmad Mansour, 38, ist Autor, Psychologe und Islamismus-Experte. Für sein Engagement wurde er mit dem Moses-Mendelssohn-Preis 2014 des Landes Berlin ausgezeichnet.

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