Max Liebermann und Paul Klee : Geometrie des freien Wucherns

Max Liebermann und Paul Klee treffen sich im Garten: eine sommerliche Ausstellung in der Liebermann-Villa am Wannsee.

In Dessau züchtete er bloß Kakteen: Paul Klees Gemälde „Neu angelegter Garten“ stammt von 1937.
In Dessau züchtete er bloß Kakteen: Paul Klees Gemälde „Neu angelegter Garten“ stammt von 1937.Foto: Privatsammlung Bern

Liebermann empfängt Klee. Zwei Maler geraten ins Gespräch. Ihre Auffassungen unterscheiden sich gründlich, aber es gibt auch überraschende Berührungspunkte. Mal schweigt der eine, mal lässt der andere dem Kollegen den Vortritt. Zum Vergleich stellen sie ihre Bilder nebeneinander. In Wirklichkeit hat diese Begegnung zwischen dem preußischen Impressionisten Liebermann und dem Schweizer Bauhausmeister Klee nie stattgefunden. Sie lebten in getrennten Kunstuniversen. Aber ihre Werke nehmen in Liebermanns sommerlicher Villa jetzt den Gesprächsfaden auf. Dabei kann es für sie nur ein gemeinsames Thema geben: den Garten! In ihrer Begeisterung für das gärtnerische Hegen, Pflanzen, Ordnen und Wachsenlassen waren sich die beiden Individualisten ausnahmsweise einmal einig.

Tatsächlich widmeten sie sich sogar zur selben Zeit ihren Gartenrefugien, der eine real, der andere imaginär. Während Liebermann seine 1909 errichtete Sommervilla in den Zwanziger Jahren zum Lieblingssujet erkor, beugte sich Klee in Bern, Weimar und Dessau über das gärtnerische Geviert seiner oft winzigen Papierformate. Selbst im Exil ließ er seine Linien ins Kraut schießen, ordnete Farbquadrate zum Beet. Sein Humus war die Phantasie, die er mit Geometrie bändigte.

Schon beider Kindheitserinnerungen sprechen von Gärten. 1905 schrieb Klee an seine Verlobte Lily aus dem Garten seiner Eltern am Obstbergweg in Bern: „Wo ich mich mit Pflanzen abgebe, Stecklinge mache, ziehe, binde, schneide, umsetze und mich selber als Pflanze fühle.“

Der junge Maler nutzte diese Phase für ein intensives Naturstudium, das zum Katalysator seines künstlerischen Reifeprozesses wurde. Schräg von oben gesehen tuscht er auf einem frühen Blatt zwei handtuchgroße Vorgärten hin, notiert fein die umhegenden Mäuerchen, die verbindende Gartenzaunpforte, die leere Bank als Ruhesitz: Für die ganze Familie Klee war ihr Minigarten ein erweiterter Wohnraum, geschützt und intim.

Schnurgerade Kieswege, Beete: Liebermann und Klee suchen die Geometrie

Später brauchte der Künstler für seine Gartenbilder keine reale Vorlage mehr. Auf dem leuchtenden Aquarell „Erinnerung an einen Garten“ lässt er Striche zu Sprossachsen wachsen, züchtet florale Muster und sät Keime für Formstrukturen. Immer bändigt er allzu freien Wildwuchs durch klare Rhythmen. Klee ist ein Gärtner im Geiste, der den Formgesetzen der Natur im eigenen Schöpfungsprozess nachspüren will. Die Anregung dazu fand er in Goethes „Metamorphose der Pflanzen“. Aber auch Liebermann hatte seinen Goethe gelesen.

Das ist vielleicht die interessante Entdeckung in dieser Ausstellung: Wie beide Künstler auf stilistisch ganz unterschiedliche Weise in ihren Gartendarstellungen die geometrische Struktur suchen, aber auch dem freien Wuchern Raum geben. Wieder und wieder lässt Liebermann auf seinen Bildern die hellen, schnurgeraden Kieswege seines Gartengrundstücks in die Tiefe fluchten. Dann wieder schwelgt er mit vehementem Pinselschlag in der grünbunten, pastosen Farbmaterie. Für Liebermann war sein Wannseegarten ein künstlerisches Laboratorium, wo er den subjektiven Blick und den expressiven Duktus seines Spätwerks erprobte. 200 Gemälde entstanden hier. Wie Testreihen produzierte er Variante um Variante der immer gleichen Motive, etwa der gelben und violetten Stiefmütterchenbeete vor der Terrasse.

Max Liebermanns "Laubengang zum Heckengarten", 1920.
Max Liebermanns "Laubengang zum Heckengarten", 1920.Foto: Privatsammlung

Die zusammen mit dem Hamburger Museumsmann Alfred Lichtwark ausgeklügelte elegant-moderne Reformgartengestaltung mit ihren strengen Hecken, Rechteckbeeten und Rasenparterres lieferte Liebermann das ideale Strukturgerüst für seine frei improvisierten Koloraturen.

Klees eigene gärtnerische Ambitionen beschränkten sich auf ein paar Kakteentöpfe auf dem Balkon oder der Terrasse seines Dessauer Meisterhauses. Hier hatte Bauhauschef Walter Gropius ohnehin eine äußerst karge Gartengestaltung vorgegeben. Es gab Kiefern und grünen Rasen, keinen blumigen Schnickschnack. Umso bunter und vielfältiger betätigte Klee sich als Farben- und Formenzüchter in seinen Werken. Er lässt über nächtlichen Gärten den Mond aufgehen, stellt Häuser ins zeichenhafte Grün oder deutet manchmal nur im Titel gärtnerische Assoziationen an. Unzählige seiner Arbeiten tragen das Wort Garten im Titel.

Auch Kuratieren ist Gärtnern: Feingefühl beim Umgang mit besonderen Gewächsen

Die Liebermann-Villa öffnet ihr wohltemperiertes, nicht sehr experimentierfreudiges Ausstellungsprogramm mit dieser Schau für die Avantgarde der Zwanziger, die der Hausherr selbst einst ziemlich kritisch beäugte. Raum für Raum stellt sie Werke beider Künstler in behutsam gewählten Vergleichen gegenüber, belässt den Protagonisten aber immer ihr eigenes Wirkungsfeld. Nicht jede Pflanze verträgt die direkte Nachbarschaft einer anderen: Auch Kuratieren ist Gärtnern. Dazu braucht es Feingefühl und Erfahrung im Umgang mit eigenwilligen Gewächsen.

Liebermann-Villa, Colomierstraße 3, Wannsee, bis 17. September, tgl. außer dienstags 10-18 Uhr. Weitere Infos finden Sie hier

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