Maxim Gorki Theater : Das Überlebensspiel

In Lola Arias’ Doku-Fiction „Futureland“ am Gorki Theater treffen junge Geflüchtete auf Avatare.

Geschichten hinter den Zahlen. Das aus aller Welt stammende Ensemble von "Futureland".
Geschichten hinter den Zahlen. Das aus aller Welt stammende Ensemble von "Futureland".Foto: Ute Langkafel/Maifoto

Mamadou Allou Diallo ist 17 Jahre alt und stammt aus Guinea, wo Geburtstage nicht gefeiert werden. Falls er künftig doch Geschenke erhalten sollte, darf er sich bei den deutschen Behörden bedanken, die ihm ein Papier mit seinem neuen Jubeldatum ausgehändigt haben, dem 9. Juni 2002. Fabiya Bhuiyan, 14, ist aus Bangladeschs Hauptstadt Dhaka nach Berlin gelangt und weiß nicht, wo ihre Eltern sind.

„In Bangladesch gibt’s keinen Krieg. Also, was machst du hier?“, lautete eine der ersten Fragen an sie. Der 15-jährige Mohamed aus Al-Hasaka in Syrien lebt mittlerweile seit vier Jahren in Deutschland. In dem Heim, wo er anfänglich mit 100 anderen Jungs untergebracht war, musste er drei Monate darauf warten, mit dem Handy des Betreuers seine Eltern anrufen zu dürfen.

Die Kürzel lauten wahlweise UMF, MUFL oder auch nur UM. Bezeichnet werden damit dieselben Menschen: unbegleitete minderjährige Geflüchtete. „Unbegleitet“ heißt: Es sind Kinder und Jugendliche, die sich ohne ihre Eltern oder andere Angehörige auf Tausende Kilometer lange, entbehrungsreiche, lebensbedrohliche und manchmal Jahre währende Reisen begeben, um „in das Hoheitsgebietes eines Mitglieds der Europäischen Union“ einzureisen, wie es auf Amtsdeutsch heißt.

Acht dieser jungen Menschen hat die Regisseurin Lola Arias in ihrem Theaterprojekt „Futureland“ zusammengebracht, das jetzt am Gorki Premiere feierte. Es ist schon deshalb ein so wichtiger wie dringlicher Abend, weil junge Geflüchtete in den Medien und sozialen Netzen noch immer fast ausschließlich als potenzielle Straftäter, schummelbereite Sozialschmarotzer oder mindestens als untragbare Kostenverursacher vorkommen. Welche Partei es ist, die sich den populistischen Brandsatz „6000 Euro monatlich pro minderjährigem Flüchtling“ in großen Lettern auf Wahlplakate geschrieben hat, dürfte nicht schwer zu erraten sein.

Hinter Zahlen stehen Menschen. Und die haben Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. An solche Binsen muss man ja heute wieder erinnern.

Lola Arias, die am Gorki zuletzt den ebenfalls dokumentarisch basierten Abend „Atlas des Kommunismus“ realisiert hat und deren Film „Theatre of War“ mit Veteranen des Falklandkrieges erfolgreich auf der Berlinale lief, wählt einen sehr klugen Weg, um die Lebenssituation ihrer Protagonistinnen und Protagonisten erfahrbar zu machen. Im Vordergrund stehen nicht die Schicksale und Leidenswege – obwohl sie präsent sind –, sondern die Aufnahmeprozeduren und Bürokratie-Parcours, die Geflüchtete durchlaufen.

Sarah, denkst du daran, deinen Hijab abzulegen?

Die reichen vom sogenannten Clearingverfahren zur Altersfeststellung über die Inobhutnahme durch einen Vormund und den Besuch einer Willkommensklasse bis zum zähen Warten auf das alles entscheidende Asylinterview, dem sich die Schutzsuchenden mit Erreichen der Volljährigkeit stellen müssen. Das alles übersetzt Arias in eine Videospielwelt, die als 3-D-Animation (Luis August Krawen) auf Dominic Hubers Bühnenbox mit Vorhang projiziert wird. Die Lehrer, Betreuer, Interviewer treten darin als Avatare auf, die mit monotoner Computerstimme zum Ensemble sprechen: „Sarah, du bist jetzt schon eine Weile hier. Hast du daran gedacht, deinen Hijab abzulegen?“

Die Idee zu diesem virtuellen, titelgebenden „Futureland“ kam Arias durch ein Computerspiel, das die Jugendlichen oft in Pausen spielten, „PuBG“ (Playerunknown's Battleground) – ein Survival-Game, das den Kampf aller gegen alle auf einer Insel verlangt.

Dieses 3-D-Setting vermittelt tatsächlich ein Gefühl dafür, wie die Jugendlichen die fremde Realität wahrnehmen, in der sie mit ihren Ängsten und Hoffnungen anlanden und sich bewähren müssen. „Als ich in der Willkommensklasse war, hat man mich gefragt: ‚Wie heißt du?‘ Und ich habe geantwortet: ‚Somalia‘“, erzählt Sagal Odowa, die aus Shalanbod stammt, wo die Al-Shabab-Miliz ihr ab der 5. Klasse den Schulbesuch untersagte.

Ich will Arzt werden. Oder doch nur Krankenpfleger?

Die Odysseen nach Europa, die Verlusterfahrungen von Halb- oder Vollwaisen, die vielfältigen Gründe für ungenaue Altersangaben, die rechtlichen Hürden des Familiennachzugs, die Furcht vor dem 18. Lebensjahr, das alles klingt in „Futureland“ erhellend an. Im Fokus dieser Doku-Fiction steht aber nicht die zuletzt die Frage, mit welchen Träumen von der Zukunft die jungen Menschen kommen. Und wie die Gesellschaft damit umgeht.

[wieder am 20. 10., 4. und 5. 11.]

„Ich will Arzt werden“, erklärt im Stück der Syrer Bashar Kanan. „Du solltest zuerst eine Ausbildung als Krankenpfleger machen“, rät der Avatar. „Modedesignerin“, nennt Sarah Safi aus Afghanistan als Berufswunsch. „Du kannst erst einmal Schneiderin werden“, kommt zurück. Ahmad Azrati aus Kundus schließlich soll lieber Fluglotse werden als Pilot, die unentschlossene May Sadaa aus Homs erst Deutsch lernen, dann Friseurin werden.

Dass die jungen Beteiligten in Wirklichkeit teils ganz andere Berufswünsche verfolgen, spielt dabei keine Rolle. In diesen starken Szenen wirft „Futureland“ eine Frage auf, die unbegleitete minderjährige Geflüchtete nicht allein betrifft, aber in besonderem Maße: Soll man sich die eigenen Träume auf ein tristes Schubladenmaß zurechtstutzen lassen – oder weiter dafür kämpfen? Gegen Widrigkeiten, die sich die meisten von uns weder vorstellen können noch wollen.

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