Mick Harvey live in Berlin : Rausch und Ruhm

Berührende Verbeugung: Der Australier Mick Harvey interpretiert an der Volksbühne Berlin Kompositionen des Chanson-Großmeisters Serge Gainsbourg.

Volker Lüke
Lässig. Der 59-jährige Musiker Mick Harvey war Mitbegründer der Bad Seeds.
Lässig. Der 59-jährige Musiker Mick Harvey war Mitbegründer der Bad Seeds.Foto: L.J. Spruyt Photography

Dem alternden Rockstar bleibt irgendwann nur noch die Rolle des Dirty Old Man, um im Stadium der Vollreife nicht allzu lächerlich zu wirken. Das beste Vorbild dafür ist noch immer der französische Chanson-Großmeister Serge Gainsbourg, der am 2. April 90 Jahre alt geworden wäre und 1991 mit 62 Jahren starb.

Ein großer Fan des Ausnahmekünstlers ist der 59-jährige Australier Mick Harvey, der gegenwärtig im Ensemble von P.J. Harvey tätig ist und zuvor Jahrzehnte an der Seite von seinem Schulfreund Nick Cave verbrachte, erst bei The Birthday Party und später als Mitbegründer der Bad Seeds. Er entdeckte seine Liebe für den Franzosen in den 80ern, als ihm ein Freund ein Tape mit Gainsbourg-Liedern aufnahm. Nachdem Harvey bereits in den 90ern mit „Intoxicated Man“ und „Pink Elephants“ zwei Alben veröffentlicht hatte, die Songs von Gainsbourg ins Englische übersetzen, dauerte es gut 20 Jahre, bis er sein Projekt mit den Alben „Delirium Tremens“ (2016) und „Intoxicated Women“ (2017) vervollständigte.

Beim Konzert in der Volksbühne unterstützen ihn ein vierköpfiges Streichquartett und vier weitere Musiker bei der Live-Umsetzung der Stücke. Dabei spürt man sofort, das der für seine disziplinierte Professionalität bekannte Australier bereits bei Birthday Party und den Bad Seeds derjenige war, der im Chaos den Überblick behielt, wenn er seine Musiker 90 Minuten lang mit kleinen Gesten durch einen Songzyklus dirigiert, der mit dem lässigen Rare-Groove-Track „Requiem“ beginnt und auch eine süffige Version des im Original mit Brigitte Bardot gesungenen Klassikers „Bonnie & Clyde“ enthält, bei der die Geigen wie kreischende Möwen in den Himmel steigen.

Harvey macht sich jeden Titel zu eigen

Harveys Arrangements bezeugen, dass es einige von Gainsbourgs Kompositionen durchaus verkraften können, wenn sie ihrer typischen Schwülstigkeit beraubt werden. Das Tolle ist: Bei allem ist Harvey kein Gainsbourg-Cover-Sänger, sondern einer, der sich jeden Titel konsequent zu eigen macht. Das wird erst durch die exzellenten Begleitmusiker möglich: Der wunderbare James Johnston bereitet den Titeln an der Schmierorgel eine schwüle Unterlage. Dazu kommen Bass, Schlagzeug und etwas E-Gitarre von Xanthe Waite, die auch einige Duette mit Harvey singt, dessen vornehmer Tonfall berührt, obwohl er nur bedingt in der Lage ist, die sinnliche Anmache des Vorbilds wiederzugeben. Stellenweise lässt er Waite ganz den Vortritt.

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Zwischendurch kommt die Berliner Sängerin Andrea Schröder auf die Bühne, um mit ihrer eindringlichen Alt-Stimme „God Smoke Havannas“ und „Striptease“ zu hauchen. Kurz vor Schluss dann „Ich liebe dich“, Harveys Version des skandalträchtigen „Je t’aime... moi non plus“. Er stöhnt es auf Deutsch mit Schröder ins Mikro. Auweia, die Liebe ist ein seltsames Spiel. Aber eben auch diese Sache, die unser Herz den Tropfen Blut schwitzen lässt, der das Leben so süß macht.

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