Münchner Philharmoniker beim Musikfest Berlin : Die Energie der Schellackplatte

Eine Riesengaudi: Valery Gergiev und die Münchner Philharmoniker zeigen ihre auffällige Individualität beim Musikfest Berlin.

Die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev.
Die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev.Foto: Andrea Huber, Berliner Festspiele / Musikfest Berlin

Wer in Berlin, der unangefochtenen deutschen Klassikhauptstadt, das Gastspiel eines Orchesters von außerhalb besucht, den treibt die Neugier: Wie unterschieden sich diese Ensembles von den hiesigen? Lassen sich hörbare Unterschiede in der Art ausmachen, wie sie die Meisterwerke des Repertoires angehen? Im Fall der Münchner Philharmoniker kann man diese Frage mit einem klaren „Ja“ beantworten. Denn deren Streicher erscheinen auf eine verblüffende Weise kompakt. Gedanklich sind 1. und 2. Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabässe extrem eng beieinander, ihr Zusammenspiel wirkt bewusst nach Innen gerichtet, geradezu anti-brillant.

Klingen sie dadurch ehrlicher? Erdiger auf jeden Fall. Die Fortissimo-Ausbrüche in Anton Bruckners 6. Sinfonie sind wuchtig, aber nie brutal, in den zurückgenommenen Passagen beeindruckt eine dunkle, dichte Energie, die im Zentrum des Streicherklangs pulsiert. Ungewöhnlich ist auch die Aufstellung der Münchner in der Philharmonie: Zwischen den links auf der Bühne platzierten Kontrabässen und den Pauken klafft ein großes Loch. Die Hörner, die üblicherweise hier sitzen, sind ganz rechts positioniert, zusammen mit den Blechbläsern.

Die auffällige Individualität des Orchesters macht den Auftritt am Mittwoch beim Musikfest Berlin interessant, nicht der unspektakuläre Zugriff des Münchner Chefdirigenten Valery Gergiev auf die Partitur. Als käme es von einer Schellackplatte, nur eben ohne das Knistern – so berührend altmodisch tönt dieses Orchester. Auch wenn das physikalisch gar nicht möglich ist, meint man immer wieder, die Obertonskala wäre in der Höhe gekappt. Besonders das Adagio erhält dadurch eine magische Intensität, erzählt von kaum erträglichem, süßem Schmerz.

Vorausgegangen ist Bruckners kühner Sechster ein irrwitziges Happening. Eine Stunde entfesselt Alfred Schnittke in seiner 1972 vollendeten 1. Sinfonie infernalischen Krach. Die Musikerinnen und Musiker betreten schon mit dissonantem Durcheinandergeschrammel das Podium, zwischendurch hauen die Holzbläser mal ab, um zu den Klängen eines Trauermarsches dann wiederzukehren, der Posaunist bekommt für sein Solo einkomponierten Applaus von den Kollegen, Zitate von Beethoven und Tschaikowsky, Barockes und Jazz, Tingeltangel und Tanzmusik tauchen unvermittelt aus dem kakophonen Chaos auf, bis das Ohr des Hörers so verwirrt ist, dass der unerwartete tonale Schlussakkord seine volle Schockwirkung entfalten kann.

Eine Riesengaudi, würde man in Bayern sagen.

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