Museumsmacher Christoph Vitali gestorben : Kunst braucht Enthusiasten

Christoph Vitali organisierte schon in den 80er Jahren Blockbuster-Ausstellungen und holte DJs ins Museum. Nun ist der Kurator mit 79 Jahren gestorben.

Cristoph Vitali
Cristoph VitaliFoto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Sogenannte Blockbuster-Ausstellungen, die Heerscharen von Besuchern anlocken, geraten schnell unter Populismusverdacht. Dabei gehört es doch zu den vornehmsten Aufgaben eines Museums, auch Menschen für die Kunst zu begeistern, die keine Experten sind. Einer der ersten Kuratoren im deutschsprachigen Raum, der den Begriff „Event“ nicht als Schimpfwort empfand, war Christoph Vitali. Die Ausstellungen, die er ab 1985 als erster Direktor der neu eröffneten Schirn-Kunsthalle in Frankfurt am Main zeigte, darunter eine Kandinsky-Retrospektive und die Schau „Die große Utopie“ über die russische Avantgardekunst vor Stalins Säuberungen, fanden bis zu eine Viertelmillion Besucher.

Auf Umwegen zur Berufung

Vitali war kein Kunsthistoriker, sondern Verwaltungsjurist. Zu seiner Berufung hatte er erst auf Umwegen gefunden. Das, was er als seine „größere Naivität“ bezeichnete, half ihm dabei, andere emotional für die Kunst aufzuschließen. „Ich bestreite nicht, dass ich mich der Kunst gegenüber wie ein Enthusiast verhalte: Das halte ich auch für eine richtige Beziehung“, lautete sein Credo.

Der Sohn einer Lehrerin und eines Bildhauers, 1940 in Zürich geboren, hatte das Kulturreferat der Stadt Zürich geleitet, bevor er 1979 als Verwaltungsdirektor der Städtischen Bühnen nach Frankfurt kam. Es waren kulturpolitisch goldene Jahre der Main-Metropole, die zu einem der großen Museumsstandorte der alten Bundesrepublik ausgebaut wurde.

Goldene Museumjahre am Main

Der Schirn-Direktor suchte die Nähe zum Publikum, Vitali setzte sich auch schon mal demonstrativ an die Museumskasse. Als er 1992 für eine Ausstellung sieben Wandbilder, die Chagall 1920 für das Jüdische Theater in Moskau geschaffen hatte, nach Deutschland holen konnte, empfand der Impresario das als einen Höhepunkt seiner Arbeit. Die Gemälde, die knapp der Vernichtung entgangen und jahrzehntelang in einem Depot der Tretjakow-Galerie ausgelagert worden waren, wurden aufwendig restauriert. „Es wiederfährt einem selten im Leben das Glück, ein Kunstwerk auf diese Weise für die Menschheit wiedergewinnen zu können“, erinnerte sich Vitali später in einem Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk.

Er wollte zur Kunst verführen

Der Ausstellungsmacher, von der „Süddeutschen Zeitung“ als „Maestro aller Kunstmanager“ gefeiert, wechselte 1994 nach München. Das Haus der Kunst, für 45 Millionen Mark restauriert und einer neu geschaffenen Stiftung unterstellt, wurde unter seiner Ägide mit der Ausstellung „Elan vital“ wiedereröffnet. Das klang wie ein Wortspiel mit dem Namen des neuen Leiters, war aber die Konfrontation der Werke von fünf Großkünstlern der Klassischen Moderne, darunter Kandinsky und Klee. Wieder sorgte Vitali für Wirbel, der Erfolg blieb ihm treu. In einer Pop-Art-Schau legte ein DJ eine Nacht lang Jazzplatten auf, bei einer Francis-Bacon-Retro tanzte der Choreograf William Forsythe zur Musik von Bach.

„Man darf nicht davor zurückschrecken, Verführungsstrategien zu entwickeln“, hat Vitali gesagt. Wichtig war ihm dabei immer eines: „Man darf die Kunst nicht verraten.“ Am 18. Dezember ist der Kunstvermittler in Zürich gestorben. Er wurde 79 Jahre alt.

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