Musikfest Berlin : Wenn Frauen zaubern

Antonín Dvoráks Oper „Rusalka“ erklingt zum Abschluss des diesjährigen Musikfests - konzertant mit Robin Ticciati, dem DSO und einem fabelhaften Sängerensemble.

Finale beim Musikfest: Sally Matthews sang die Rusalka und Klaus Florian Vogt den Prinzen in der konzertanten Aufführung der Dvorák-Oper in der Philharmonie.
Finale beim Musikfest: Sally Matthews sang die Rusalka und Klaus Florian Vogt den Prinzen in der konzertanten Aufführung der...Foto: Kai Bienert/DSO

Etwas seltsam ist es schon, dass der Fokus des Berliner Musikfests 2019 auf dem französischen Komponisten Berlioz lag, aber besonders viele Gäste aus London kamen, darunter Ex-Philharmoniker-Chefdirigent Simon Rattle. Beim Festivalfinale mit Antonín Dvoráks „Rusalka“ und dem Deutschen Symphonie-Orchester unter Robin Ticciati geht der Blick gleich noch einmal über den Ärmelkanal: Ticciati dirigierte die Märchenoper, die exakt aus dem Jahr 1900 stammt, im Sommer beim Glyndebourne Festival. Einen Großteil der Sängerinnen und Sänger von dort brachte er nun mit nach Berlin.

Ein ungemein hochkarätiges, fabelhaftes elfköpfiges Ensemble reiste da an, für den dritten konzertanten Opernabend des Musikfests nach „Benvenuto Cellini“ und „Frau ohne Schatten“. Sally Matthews versieht ihre Nixe Rusalka mit einem ergreifend warmen, introvertierten, dennoch kräftigen Ton; schon bei der „Mond“-Arie verkörpert sie eine vor Begehren und Schmerz schaudernde Menschenseele. Patricia Bardon als Ježibaba wiederum bringt eben jene maliziöse Verschlagenheit mit, wie sie Hexen in Märchen auszeichnet. (Warum verwirft das Programmheft das Hexen-Wort als Diskriminierung kluger Einsiedlerinnen, während das Libretto Ježibaba klar als Kinderfresserin und Katzentöterin charakterisiert? Mögen solche Figuren doch bitte dem Märchenreich vorbehalten bleiben!) Ob Zoya Tsererina als Fürstin mit furchterregender Verve, die drei quirlig-frechen Girlie-Nixen oder die kurzfristig eingesprungene Bethany Horak-Hallett als Küchenjunge: Sie alle haben keinerlei Mühe mit Dvoráks Ausdrucksspektrum, von der Schockstarre bis zur Ekstase, vom Angstflüstern bis zum Verzweiflungsschrei. Und der Rundfunkchor steuert auf der Orgelempore den Gesang der Waldelfen bei.

Die tschechische Tondichtung über die Nixe, die aus Liebe zum Prinzen Mensch werden will, hat es in sich. Als Saga über die Macht der Wünsche und die Dominanz der Frauen. Als farbenfrohe, ungemein plastisch aus dem Klang der Worte entwickelte Musik, deren Voodoo-Kräfte Ticciati freilegt. Und als Melange aus Folklore und Freud’scher Psychoanalyse, Liebeswahn und Todessehnsucht, Wasserspielen und Waldweben, wie sie beliebt war in jener Zeit. Sie findet sich auch in der „Kleinen Meerjungfrau“, bei „Pelléas und Mélisande“, in Wagners „Tristan“.

Wobei hier die Frauen das Sagen haben, mit ihren verführerischen oder verheerenden magischen Fähigkeiten. Sie sind es, die zwischen Natur- und Menschenwelt vermitteln, die kämpfen, retten, zerstören. Die Männer? Sie werden in Bann geschlagen. Vergeblich donnern sie Machtworte wie Rusalkas Wassermann-Vater (Alexander Roslavets hält schön die Balance zwischen Güte und Autorität) oder erweisen sich als wankelmütig wie der Prinz. Klaus Florian Vogt, ebenfalls kurzfristig eingesprungen, nachdem er erst am Dienstag als Aeneas in Arien aus Berlioz’ „Trojanern“ zu hören war, legt in seinen besten Momenten den Unschuldscharme eines reinen Toren an den Tag.

Erstaunlich übrigens, wie schnell sich die Paradoxien eines konzertanten Opernabends erledigen, wenn Charakterdarsteller auftreten. Da stört es dann nicht weiter, dass der Prinz im Gehrock mit Fliege und Einstecktuch auf der Waldlichtung erscheint und am Ende einfach nur abgeht, statt in den Fluten zu versinken.

Musik mit blankliegenden Nerven - ein gelungener Festivalabschluss

Natürlich gewinnt das von Leitmotiven, Tritonus-Dämonie, Ballsaalstimmung und silbrigen Mondnachtfäden durchzogene Werk seine Wirkkraft nicht zuletzt aus der permanenten konturenverstärkenden Verdoppelung des Gesungenen durch die Instrumente. Aber das DSO geht den eingängigen Motiven nicht auf den Leim, betont unter Ticciati kleinste Details, mit sichtlicher Lust an Dvoráks Sinnlichkeit. Eine Musik der blankliegenden Nerven – ein gelungener Festivalabschluss.

Das Musikfest Berlin 2019 in Zahlen: An 21 Tagen mit 26 Veranstaltungen kamen gut 39 000 Besucher. Das nächste Festival startet am 29. August 2020, es ist dem Jubilar Beethoven gewidmet, außerdem Rebecca Saunders und Heiner Goebbels.

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