Nachruf auf Ivan Král : Der schüchterne Rockstar

Er kam aus Prag nach New York, schrieb für Patti Smith den Hit „Dancing Barefoot“ und arbeitete mit Iggy Pop. Nun ist der Rockbassist Ivan Král gestorben.

Christian Schröder
Ivan Král
Ivan KrálFoto: picture alliance/dpa

Sich zu verlieben heißt, die Kontrolle zu verlieren, sich einem süßen Schwindelgefühl zu ergeben. „Here I go and I don’t know why“, singt Patti Smith mit euphorisch jauchzender Stimme, begleitet von federnden E-Gitarrenakkorden. Wenn dann nach dem Refrain „I’m dancing barefoot / Headin’ for a spin“ ein kurzes spiralförmiges Solo folgt, ist der Hörer sofort bereit, bei dieser Spritztour dabeizusein, die ein Aufbruch ist.

Hymne für den Lebensgefährten

„Dancing Barefoot“, 1979 auf ihrem vierten Album „Wave“ erschienen, entstand, als die Sängerin ihren Lebensgefährten, den MC5-Gitarristen Fred „Sonic“ Smith, kennenlernte. Geschrieben hat Patti Smith den Hit allerdings zusammen mit Ivan Král, dem Bassisten ihrer Band. Král war 1966 aus Prag nach New York gekommen, wo sein Vater als Übersetzer bei den Vereinten Nationen arbeitete. Als der Vater 1968 den Einmarsch der Sowjets in seiner Heimat verurteilte, wurden die Familienmitglieder zu staatenlosen Flüchtlingen.

Staatenlos in New York

Mit seiner Glamrockband Luger war Král im Club Max’s Kansas City aufgetreten, einem Nukleus der New Yorker Punkszene, der durchs gleichnamige Velvet-Underground-Livealbum unsterblich wurde. Bevor er 1975 zu Patti Smith stieß, hatte der Bassist den Teeniestar Shaun Cassidy begleitet und bei Blondie gespielt. Zu den Songs, die er für Smith schrieb, gehören „Ask the Angels“, „Pissing in a River“ und „Citizen Ship“. Wenn die Sängerin dort klagt: „Ain’t got a passport/Ain’t got my real name“, verweist sie damit auf den unsicheren Status ihres Co-Komponisten, der erst 1981 die US-Staatsbürgerschaft bekam.

Zurück nach Prag

Král war ein hochproduktives Multitalent. Nach seinem Ausstieg aus Patti Smiths Band arbeitete er mit John Cale und Iggy Pop, drehte Rockdokumentarfilme, produzierte Bands wie die Vipers und lieferte den Soundtrack für Barry Levinsons Coming-of-Age-Komödie „Diner“. Als die Samtene Revolution 1989 den Realsozialismus in der Tschechoslowakei hinwegfegte, kehrte der Musiker in seine Heimat zurück. Die Trauermusik, die er für Beerdigung des Dichterpräsidenten Vaclav Hável komponierte, wurde 2011 live aus dem Prager Veitsdom ausgestrahlt. Ivan Král, von Weggefährten als „schüchterner Rockstar“ beschrieben, ist am Sonntag gestorben. Er wurde 71 Jahre alt.

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