Nachruf auf Nina Grunenberg : Die Reporterin

Eine liberale Instanz und eine einfühlsame Stilistin: zum Tod der Journalistin und „Zeit“-Autorin Nina Grunenberg.

Hermann Rudolph
Nina Grunenberg wurde 2009 mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.
Nina Grunenberg wurde 2009 mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.Foto: picture-alliance/ dpa

Über vier Jahrzehnte gehörte sie zu den Autoren, die der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ das Profil gaben. In jungen Jahren, nach einer Buchhandelslehre zu dem Blatt gestoßen, wurde Nina Grunenberg bald eine unverwechselbare Stimme in der Mannschaft, die die Zeitung seit den sechziger Jahren zur führenden liberalen publizistischen Instanz in der Bundesrepublik machte.

Das war eine erstaunliche Karriere, auch weil sie in der männlich geprägten Redaktion eine der wenigen Frauen war, neben Gräfin Dönhoff lange die einzige Führungskraft. Sie verdankte sie nicht ihrem Ehrgeiz, der begrenzt war, oder kühnen Thesen oder einem herausforderndem Auftreten. Es war allein das Ergebnis ihrer eminenten journalistischen Begabung: Sie war eine einfühlsame Stilistin, die jedem Thema gerecht werden konnte, die auf sprachliche Forcierungen verzichten konnte, vielmehr analytisch, nüchtern und zugleich um Verstehen bemüht schrieb.

So wurde sie zur wichtigsten Reporterin der Zeit und zur Autorin der großen Porträts des Blattes. Gewiss war ihr Feld in erster Linie die Politik, und über Jahre hin setzte sie die führenden Köpfe der Republik in Szene. Doch sie schrieb auch – Beispiel für ihre Vielfältigkeit – unter dem Titel „Der Staat ganz unten“ über die Welt der Gemeinden, Kreise und Städte. Sie porträtierte die deutschen Eliten, die Unternehmer, Botschafter und Gewerkschaften, beschrieb eine Woche mit dem Bundeskanzler – der damals Schmidt hieß – und verfasste nach ihrem Ausscheiden aus dem Beruf unter dem Titel „Die Wundertäter“ ein durchaus brisantes Buch über die Netzwerke der deutschen Wirtschaft. Es folgte dem Wirtschaftswunder bis in die Nazi-Zeit zurück und beschönigte nichts. Eine wichtige Rolle spielte Nina Grunenberg schließlich in der Bildungs- und Hochschulpolitik, eine der Stützen des Hamburger Blattes. Anfang der neunziger Jahre leitete sie das Ressort Wissen, das diese Themen bündeln sollte.

Für die Zeit-Redaktion war sie unverzichtbar

Nina Grunenberg war alles andere als eine rasende Reporterin. Aber sie war eminent fleißig, wissbegierig, recherchierte ausdauernd und gewann mit ihrem zurückhaltenden Auftreten das Vertrauen ihrer Gesprächspartner. Sie stieg auch in der Hierarchie des Blattes auf und wurde 1987 stellvertretende Chefredakteurin. Aber das war eher ein äußerlich Zeichen ihres Ranges in der Redaktion. Nina Grunenberg war einfach dank ihrer langen Zugehörigkeit zur Zeitung, aber vor allem auch wegen ihres ausgleichenden, vermittelnden Temperaments für das Funktionieren der Redaktion unverzichtbar. Gänzlich überraschend ist sie kurz vor Ende des alten Jahres im Alter von 81 Jahren in Hamburg verstorben.

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