Nachruf Ror Wolf : Tränen fallen auf Butterbrote

Zum Tod des einzigartigen Sprachartisten und Bildercollageurs Ror Wolf.

Solitär der deutschen Dichtung. Ror Wolf (29. Juni 1932 bis 17. Februar 2020) in seiner Mainzer Wohnung.
Solitär der deutschen Dichtung. Ror Wolf (29. Juni 1932 bis 17. Februar 2020) in seiner Mainzer Wohnung.Foto: Uwe Anspach/dpa

Wann genau er jenen Richard Georg Wolf hinter sich ließ, als der er an einem späten Junitag des Jahres 1932 im thüringischen Saalfeld die Welt betreten hatte, lässt sich im Nachhinein wohl nicht mehr klären. Der Dichter Ror Wolf konnte sich an diesen früheren Zustand seiner selbst zwar lebhaft erinnern.

Insbesondere an die Zeit des Kriegsendes, als er im Alter von 14 Jahren das Haus seiner Eltern ein ganzes Jahr lang alleine hütete, nachdem der Vater in Kriegsgefangenschaft und die Mutter aus dunklen Gründen in Haft geraten war, hatte sich ihm eingeprägt.

Doch er setzte offenbar alles daran, diesen Bewohner der sowjetischen Besatzungszone in seinen Gedichten zu entsorgen. Er ging ein in die Figur von Hans Waldmann, die Ror Wolf ein halbes Jahrhundert lang in vier Moritatenzyklen auftreten ließ. Und er fand seinen Niederschlag in Raoul Tranchirer, der insofern ein Alter Ego bildet, als das Pseudonym auf den virtuosen Zerteiler, Zerschnipsler und Zerschnetzler verweist, der Ror Wolf als Wortartist und eifriger Bildercollageur war.

Wenn Richard Georg Wolf also bald nicht mehr sonderlich vital war, sondern Ror Wolf ihn handlich portioniert in einer poetischen Tiefkühltruhe auf Eis legte, so ist das für einen Dichter, der das Makabre liebte, nur wenig übertrieben.

Nach 34 Umzügen sesshaft in Mainz

Vielleicht schleppte er ihn auch noch mit sich herum, bis Ror Wolf nach 34 Umzügen 1990 für immer in Mainz sesshaft wurde, wo er sein Werk bis ins hohe Alter ausbaute und dem Band „Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember“ 2015 sogar schon „39 Gelegenheitsgedichte aus dem Nachlass“ beigab.

Man könnte höchstens fragen, ob Ror Wolf ein gesünderes Selbstbewusstsein besaß als sein Vorgänger. Denn auch Waldmann und Tranchirer besitzen keine zuverlässige Identität. Sie sind Worthüllen, durch die der Wind des Grotesken pfeift. Geformt von allem, was sich an ihnen austobt, sind sie Produkte der sprachlichen Umstände, nicht empfindende Subjekte.

Die ungeheure Komik von Ror Wolfs Gedichten – und seiner Prosa – ist einem von daher nie ganz geheuer. Auch wo sich nicht gleich die nächste Höllenluke öffnet, tun sich Krater, Schächte, Löcher auf. Ein Labyrinth der Bodenlosigkeiten droht Arglose zu verschlingen. Ohne einen Funken alptraumhafter Dämonie, der die sprachlichen Leerstellen und Unbestimmtheit illuminiert, geht es bei Ror Wolf jedenfalls nie ab.

Ein Funken Alptraum

In einem frühen Nachtstück aus dem Waldmann-Zyklus klingt das zum Beispiel so: „Waldmann will die Gegend kennenlernen, /deshalb wird er sich jetzt still entfernen, /und er zieht, wie man gelesen hat, /seine dunklen Spuren durch die Stadt. /Guten Abend Servus und Ade, /ruft er und verschwindet im Café, /und dort sieht er furchtlos und auf Stühlen /Männer in den Suppentellern wühlen. /In der Ferne dampfen schwarze Schlote. /Tränen fallen auf die Butterbrote. /In der Fischfabrik verpufft das Fett. /An der Theke kippt ein Schnapstablett. /Waldmann nickt, dann sagt er erst einmal: /ich besuch ein anderes Lokal.“

Was mitunter nach Wilhelm Busch klingt, entstammt historisch dem Umfeld der Konkreten Poesie von Franz Mon und Eugen Gomringer. Mit einem Höchstmaß an selbstreflexivem Sprachbewusstsein schuf Ror Wolf allerdings etwas ganz Eigenes.

Und obwohl kein einziger seiner Texte Wirklichkeit unmittelbar abbildet, bleiben sie ihr, wie er 1966 in dem Essay „Meine Voraussetzungen“ schrieb, doch verpflichtet: „Sicher ist, dass alle Stoffpartikel, die ich verwende, alle Sachverhalte, die ich darstelle, aus der Realität stammen und auf die Realität gerichtet sind. Ich verarbeite Erfahrungen, die ich in dieser Gesellschaft gemacht habe, und ich lege sie gegen diese Gesellschaft, die in ihren Konventionen fett geworden ist.“

Hier leben Drachen

Ror Wolf erkundet die unverzeichneten Stellen einer scheinbar restlos erschlossenen Welt. Was die Alten meinten, wenn sie auf Landkarten „Hic sunt dracones“ (Hier leben Drachen) vermerkten, wo für sie bedrohliche terra incognita war, erfährt man bei ihm auf Schritt und Tritt. Und wer mit ihm die Straßenbahn besteigt, geht auf große Fahrt.

Der Leser wird aufgefordert, sich hineinlocken zu lassen „in das Geflecht von Vorgängen und Erscheinungen; er soll sich den Weg hauen durch ein Dickicht von Sätzen; er soll in Fallen stürzen und sich aufspießen an Worten; er soll mit den Bewegungen der Sprache die Ritzen und Buckel der Realität nachfahren, die mikrobisch und monströs, bizarr und banal, konkret und fantastisch zugleich ist.“

Eine neue Wirklichkeit aus Sprachklischees

In dieser Weise buchstabieren auch viele seiner Fußballtexte, wie sie der Band „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“ innerhalb der 13-bändigenWerkausgabe bei Schöffling & Co. sammelt, nicht einfach Wirklichkeit nach. Sie bauen aus Sprachklischees eine neue spielerische Wirklichkeit.

So heißt es 1971 in „Punkt ist Punkt“: „Für Paniz kam Wobser, von dem es schon kurze Zeit später hieß: so gut war noch keiner. In Stuttgart zum Beispiel lief er mit riesigen Schritten über den glitschigen Boden und trat Sawitzki samt Ball in den Kasten; in Köln ließ er Schnellinger tanzen, bis dieser taumelnd vom Platz ging, mit Füßen wie Bügeleisen, Wobser, ich sage nichts Neues; die Bayern wurden vom Rasen gewischt, in Schalke gingen die Fahnen in Flammen auf; mit einem Rucksack voll Luft zog er davon, er brauste die Linie hinunter mit Dampf, nach ihm wurde ein Hut benannt und ein Fruchtsaftgetränk.“

Am Montag ist dieser Prophet eines wohltuend sanften Horrors im Alter von 87 Jahren gestorben. Hans Waldmann hatte die Demission bereits angekündigt: „Waldmann geht und steigt in seinen Wagen /Und inzwischen ist die Welt im Wandel: /Die Verlagskultur, der Lebensmittelhandel /Waldmann sagt: Ich möchte nichts mehr sagen.“ Gregor Dotzauer

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