Nadine Shah, Haim, Benjamin Biolay, Neil Young : Die Pop-Alben der Woche im Soundcheck

Jeden Freitag ab 21 Uhr stellen vier Popkritiker/innen auf Radio Eins die Alben der Woche vor. Diesmal mit Nadine Shah, Haim, Benjamin Biolay und Neil Young.

Die britische Musikerin Nadine Shah.
Die britische Musikerin Nadine Shah.Foto: Promo

Nadine Shah: Kitchen Sink (Infectious Music)
Das britische Wort vom social commentary ist mit Gesellschafs- oder Sozialkritik nur unzureichend übersetzt, weil man da immer gleich die Räucherkerzen mitdenkt – und die würde Nadine Shah einem vermutlich um die Ohren hauen. Auf ihrem vierten Album hat sich Shah dem Metier des musikalischen Kitchen-Sink-Dramas verschrieben, wie man es von den Kinks oder Pulp kennt: einer Repräsentation sozialen Lebens mit bitter-galliger Note und staubtrockenem Humor. Die schroffe, Post-Punk-sozialisierte Rockmusik, die sie dazu findet, gehört zum Besten, was diese Frau bislang geschrieben hat. Torsten Groß, Moderator

Haim: Women In Music Pt III (Universal)
Zwei Alben lang waren Haim eine polierte Wiederkehr des Spätachtziger-Pop, der Hörer_innen mit seiner Schlagzeug-Betonung zum effektvollen Gehen antrieb. Nun hat die Schwesternband aus L.A. ihr Rezept zerrissen und freestyle mit allem gekocht, was ihnen in die Hände fiel: Joni Mitchell („Man In The Magazine“), Lou Reeds Bass und Bloodwyn Pigs Saxofon („Summer Girl“),  Stevie Nicks‘ „On The Edge of Seventeen“ („I'm In It“) und  Neunziger R&B („3AM“). Das Ergebnis: ein Sundowner-Cocktail für den Balkon. Julia Friese, Musikjournalistin

Benjamin Biolay: Grand Prix (Universal)
Motorsport-Metaphern sind vielleicht nicht das Zeitgeistigste, was einem im aktuellen Pop einfallen könnte, aber Gainsbourg-Nachfolger Benjamin Biolay kriegt mit seinem neunten Album „Grand Prix“ elegant die Kurve: Einflüsse aus Chanson und Manchester-Rave erzeugen das verblüffend leichtgängige Treibstoff-Gemisch für eine neue Karrierephase des 47-Jährigen. Ab ins Qualifying! Andreas Borcholte, Spiegel

Neil Young: Homegrown (Warner)
Auf dem Höhepunkt seines Ruhms lebte der Musiker vier Jahre mit der Schauspielerin Carrie Snodgress zusammen. Sie bekamen einen behinderten Sohn. Die Trennung war hart. Der Versuch, sie in Worte und Klänge zu fassen, ging Young zu nah. „Ich konnte mir die Platte nicht anhören.“ So verschloss er das schon fertig konzipierte Album 1975 in seinem Archiv. Dass er es jetzt wieder hervorholt und die frühere Entscheidung als Fehler geißelt, ehrt ihn. Wenn diese rohe kleine Folkplatte auch nicht an die Meisterwerke aus derselben Zeit heranreicht, so liefert sie doch einen wunderbaren Einblick in Youngs Werkstatt der Gefühle. Und jede alte Platte ist besser als seine neuen. Kai Müller, Tagesspiegel

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!