Natasha Staggs Roman "Erhebungen" : Verloren in den sozialen Medien

Präzise und unsentimental beschrieben: In ihrem Debütroman "Erhebungen" erzählt Natasha Stagg aus dem Leben einer Influencerin.

Anja Kümmel
Die US-amerikanische Schriftstellerin Natasha Stagg.
Die US-amerikanische Schriftstellerin Natasha Stagg.Foto: Gregory Aune

Wer sich von Natasha Staggs Debütroman „Erhebungen“ erhofft, alles zu erfahren über ein „glamouröses Online-Leben als Influencerin“, wie im Klappentext angekündigt, dürfte irritiert sein. Denn erst einmal begleiten wir die 23-jährige Colleen viele Seiten lang durch ihr ödes Real Life. Trotz Uniabschluss arbeitet sie zum Mindestlohn in einem Marktforschungszentrum, und ihre Freizeit verbringt sie in einer deprimierenden Wohnanlage, mit Drogen, Alkohol und gelegentlichen One-Night-Stands. Einem gewissen Eskapismus frönt sie anscheinend auch im Internet, doch was sie dort von sich preisgibt oder wer ihr folgt, erzählt Stagg nicht. Einzig, dass sie verstärkt mit einem „Semi-Promi“ namens Jim chattet.

Nach etwa einem Drittel folgt ein recht abrupter Cut: Colleen zieht nach Los Angeles, wo sie Jim kennen und lieben lernt. Öffentlichkeitswirksam verbreiten beide ihre Beziehung im Netz; es winken Werbeverträge und eine Party-Tour durch die USA. Huch, mag sich hier mancher Leser denken: Habe ich was verpasst?

Auslassungen sind bei Stagg Programm

Ja und nein. Auslassungen sind bei Stagg offenkundig Programm. Womit genau das neue Traumpaar viral geht, wischt sie nonchalant beiseite („man kann es sowieso online nachlesen“), und auch Colleens digitales Alter Ego bleibt nach wie vor abstrakt. Anstatt Posts und Kommentare wiederzugeben, leuchtet sie weiterhin schonungslos, wenn auch in aalglatter Sprache, das analoge Leben ihrer Hauptfigur aus. Monoton rauschen ständig wechselnde Hotelzimmer, Drogenexzesse und Promipartys an Colleen vorbei. Nachdem Jim sie mit ihrer Social-Media-Konkurrentin Lucinda betrogen hat, verengt sich ihre Wahrnehmung ohnehin auf ihre obsessive Eifersucht. Die wird zwar befeuert durch die Mechanismen der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, wirkt zugleich aber so klassisch-zeitlos, dass sich Colleens hilfloses Gefangensein darin fast wie ein perfider Triumph des Analogen anfühlt.

Weder legt es „Erhebungen“ darauf an, die Generation Internet bloßzustellen, noch sich bei ihr anzubiedern. Stattdessen beschreibt Stagg präzise und unsentimental, wie es auch in den sozialen Medien Phänomene gibt, die wir bereits aus der Schulzeit kennen: Banale Erlebnisse so aufbereiten, dass sie sich am nächsten Tag spannend erzählen lassen, beständig das eigene Ich kuratieren, mit der Kluft zwischen Selbst- und Fremdbild experimentieren. Einzig im Rückblick deuten sich Veränderungen an. Wie etwa in Colleens vager Sehnsucht, als sie an die Lektüre ihrer Jugend denkt: „Ich wünschte, ich wäre einmal so alleine wie die Figuren in diesen Büchern, ohne die dauernden Unterbrechungen.“ Die vermeintliche digitale Disruption jedoch, ob nun euphorisch bejubelt oder kritisch beäugt, bleibt bei Stagg aus.

Natasha Stagg: Erhebungen. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Georg Felix Harsch. Edition Nautilus, Hamburg 2019. 192 Seiten, 19,90 €.

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