Neue Countrymusik : Der Highway gehört allen

Offener und bunter: Die US-amerikanische Countrymusik erlebt derzeit eine erstaunliche Blüte. Bands wie The Highwomen, Rapper wie Lil Nas X und Sänger wie Sturgill Simpson beleben das Genre.

Fabian Wolff
Natalie Hemby, Maren Morris, Brandi Carlile und Amanda Shires (v.l.) sind die Highwomen.
Natalie Hemby, Maren Morris, Brandi Carlile und Amanda Shires (v.l.) sind die Highwomen.Foto: Alysse Gafkjen

Mit großen bestiefelten Schritten nähert sich Country seinem hundertjährigen Bestehen. Und immer noch ist im Genre genügend Platz für Pioniertaten. So wird „If She Ever Leaves Me“, gesungen von Brandi Carlile, als erster explizit lesbischer Country-Song gehandelt. „I loved her in secret/I loved her out loud“ singt Carlile betont twangy über ihre Frau, die sie vielleicht eines Tages verlassen wird – aber bestimmt nicht für einen Cowboy.

Das Album „The Highwomen“, auf dem Brandi Carlile zusammen mit drei Kolleginnen als Supergroup eine neue weibliche Ära einleiten will, Alben von Outlaw-Typen wie Tyler Childers, Sturgill Simpson und Jason Isbell, das Alterswerk „Ride Me Back Home“ von Willie Nelson; der Grammy-Erfolg von Kacey Musgraves mit ihrem Album „Golden Hour“ und eine fast 17-stündige Dokumentation vom Großchronisten Ken Burns, der Country zur definitiven amerikanischen Musik erklärt: 2019 wird vielleicht als annus mirabilis in die Country-Geschichte eingehen. Oder als letztes Aufblühen, bevor er endgültig zerschlagen wird und in alle Himmelsrichtungen – Pop, Indie, Folk und Rock – verweht.

Auch der größte Hit des Jahres, „Old Town Road“ von Lil Nas X, ist eindeutig dem Genre verpflichtet, wurde aber erst von der Industrie angenommen, als bei einem Remix als Gast der Altstar Billy Ray Cyrus mitmischte. Ein junger schwarzer (und, wie sich später zeigte, queerer) Rapper mit Cowboyhut kann allein offenbar nicht Country sein.

Über all dem schweben die Fratze von Donald Trump, konservative Phantomschmerzen, der Rassismus, der Amerika seit 400 Jahren eingeschrieben ist und ahnungsloses Rumrätseln, was in den Trump-Hochburgen der red states wirklich gedacht und gewollt wird. Die Highwomen – neben Carlile noch Maren Morris, Amanda Shires und Natalie Hemby – beschwören einige dieser Geister gleich mit dem ersten Song ihres Albums: Sie singen als vermeintliche Hexe, die in Salem verbrannt wird, als schwarze Bürgerrechtlerin, die erschossen wird, als Mutter aus Nicaragua, die auf der Flucht in die USA stirbt. Das Stück „Highwomen“ ist ein Remake der „Highwaymen“: in dem Song von Jimmy Webb, nach dem sich später die Supergroup aus Willie Nelson, Johnny Cash, Kris Kristofferson und Waylon Jennings benannte, sind es ein Straßenräuber, ein Matrose, ein Bauarbeiter und ein Raumschiffkapitän.

Neue Geschichten und Perspektiven

Diese Country-Männer bewegen sich im Reich der ehrlichen, aber unterbezahlten Arbeit, der Outlaw-Mythen und der Eroberung. Sie sind so, wie sie sind, gegen alle Widerstände. Die Highwomen stellen das historische Korrektiv zu dieser Pose dar: Für sie ist Selbstbehauptung nicht nur lebensnotwendig, sondern auch lebensbedrohlich. Die Band will die Industrie aufwecken: „Our story’s still untold“ ist auch das Versprechen, dass diese unerzählten und neuen Geschichten das Genre revitalisieren können. Zwar gab es immer große weibliche Stars wie Dolly Parton oder Reba McEntire, aber Platz für mehr als eine Frau an der Spitze wollte die Branche nie machen. Diese Konkurrenzgedanken greifen die Highwomen an.

Für die Strophe über die schwarze Bürgerrechtlerin hat sich die Band die englische Sängerin Yola eingeladen, denn sie selbst sind weiß. Dass die vier Frauen ihren blinden Fleck überhaupt erkennen, weist sie schon als progressiv aus. Die Geschichte schwarzer Country-Musiker besteht nur aus Ausnahmen, wie Charley Pride, der in den Sechzigern und in den Siebzigern in der Grand Ole Opry auftreten durfte, der wichtigsten Konzertreihe und Gatekeeper des Genres.

Dabei gab es gerade damals viele Überschneidungen zwischen Country und Southern Soul, wie er in Memphis und Alabama gespielt wurde: Songs über unglückliche Ehen, Streit am Küchentisch und Versöhnungen im Bett, über Männer- und Frauenrollen und instabile Arbeitsverhältnisse, ohne politische Agitation. Das Label Stax versuchte, diese Verwandtschaft zu nutzen und ließ seine Künstler Country-Songs als Soulballaden covern, oder umgekehrt. Diese musikalische Desegregation musste im Spannungsfeld zwischen Kommerz und soziopolitischen Kämpfen bestehen.

Whiskey ist Whiskey

Heute knüpft der weiße Chris Stapleton an diese Traditionslinie an. Seine Songs sind von einer wunderschönen tiefen Schlichtheit: Liebe ist Liebe, Whiskey ist Whiskey, wenn das Leben dir das Herz bricht, dann steh am nächsten Morgen verkatert auf, und wenn du jemanden findest, dann halt dich an ihm oder ihr fest. Stapleton ist Mitglied einer neuen Generation von Musikern, die den unvermeidlichen „echten Country“ retten sollen, nicht unbedingt vor anderen Genres, sondern vor der Nashville-Maschine, die lieber den zehnten identischen Song über Fahrten im Truck mit der Frau, Bier und Flagge unterstützt.

Dabei können auch Outlaws wie Stapleton, Tyler Childers und Sturgill Simpson sehr effektiv solche Bilder entwerfen, wenn sie wollen – aber immer schwer verdient und ohne Phrasen, und in den besten Momenten eingebettet in einen ehrlichen Blick auf soziale Verhältnisse. Simpson und der von ihm geförderte Childers kommen aus den Appalachen, jener mystischen Gegend, die vom Ende der Bergarbeit und harter Austeritätspolitik geprägt ist – und die trotzig immer die Partei wählt, die für die brutale Armut dort verantwortlich ist.

Protest gegen Trump

Als Erzähler aus dieser Welt hat Tyler Childers großen Wert, weil er nichts entschuldigt oder verharmlost. Manchmal dringt der Rest der Welt in diese Gegend ein und berichtet von ungehörten Dingen. Statt Wut und Unbehagen löst das bei Childers eine unklare Hoffnung aus. Sturgill Simpson hingegen hat diesen Rest der Welt schon bereist, und viele Bücher gelesen. Seine Musik erzählt von dieser Öffnung seiner Augen (gelegentlich auch des inneren durch Psychedelika) und von Bildung, nicht als hegemoniales Instrument, sondern als Selbstermächtigung. Deutlicher als Simpson positioniert sich kein Country-Star gegen Trump: 2017 stand er vor der Halle, in der gerade die Country Music Awards verliehen wurden und nannte den Präsident „a fascist fucking pig“ und seine Wähler Rassisten.

Country tut sich sonst schwer damit, Rassismus deutlich zu benennen. Der Südstaatenmythos gehört fest zum Genre, auch wenn er teilweise verkompliziert und hinterfragt wird. Intoleranz, Sexismus und Homophobie verstecken sich hinter Christentum und traditioneller Familie. Unterstützung der „troops“ ist unabdingbar, und jede Kritik gilt als Landesverrat. Das Trauma der Dixie Chicks, die sich wegen des Irakkrieges von George W. Bush distanzierten und deswegen aus Nashville gejagt wurden, bis hin zum öffentlichen Bulldozen ihrer Platten, sitzt tief.

Die Dixie Chicks legen sich wieder mit Nashville an

Inzwischen sind sie nach einem Auftritt mit Beyoncé bei den Country Music Awards wieder präsent. Ihr neues Album soll „Gaslighter“ heißen und 2020 erscheinen. Der Titel bezieht sich auf gaslighting: jemanden mit Lügen und falschen Behauptungen in den Wahnsinn treiben. Gemeint ist wohl eher nicht der Typ, der mit Lippenstift am Kragen nach Hause kommt, sondern Trump.

Diesmal scheint der Zorn von Nashville also einkalkuliert. Dort sitzen die alten Werte fest im Sattel, wie der Song „Red, White And Blue“ vom jungen Travis Denning beweist: Wer die Flagge beschmutzt oder etwas gegen unsere Soldaten sagt, ist für ihn erledigt. Als kleinen Fortschritt kann man vermerken, dass Denning immerhin betont, dass er an Meinungsfreiheit glaubt, und „du bist für mich erledigt“ etwas anderes ist als „ich erledige dich“.

Im Rahmen der Reihe „Introducing Nashville“ war Travis Denning im Oktober im Columbiaclub zu sehen. Er und seine vier Kolleg*innen waren sympathisch, die Bescheidenheit und Liebe zum Songwriting schien nicht gespielt, selbst wenn niemand von ihnen das einfing, was Country 2019 so aufregend gemacht hat, das Suchen von Widersprüchen und der Schritt ins Unbekannte. Das Liebeslied an die Flagge hat Denning nicht gespielt, sondern lieber über deutsches Bier gesprochen. Den einzigen Zuschauer im Saal mit Cowboyhut schien das nicht zu stören. Er nickte auch so angetan zur Musik, und verschwand, ohne auf eine Zugabe zu warten.

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