Neuer Roman von Joshua Cohen : Am Ende schreibt er immer alle um

Der amerikanische Schriftsteller Joshua Cohen hat mit „Buch der Zahlen“ einen Internetroman geschrieben. Ein rasantes Werk voller Wortwitz, postmoderner Erzählspiele und kluger Gedanken.

Jan Wilm
Schreiben über das Lesen. Der Schriftsteller Joshua Cohen stellt Internetästhetik und das Medium Buch einander gegenüber.
Schreiben über das Lesen. Der Schriftsteller Joshua Cohen stellt Internetästhetik und das Medium Buch einander gegenüber.Foto: Adam Gong

Die Handlung des Romans „Buch der Zahlen“ ist, wie man gerne sagt, schnell erzählt. In der bloßen Nacherzählung lauert aber auch schon die falsche Fährte: Joshua Cohen ist ein Autor, der sich nach seinem erfolglosen Romandebüt mit Ghostwriting das versehrte Leben finanziert, bis er von einem etwa gleichaltrigen Internet-Milliardär als Geisterschreiber angeheuert wird – „ich schreibe die Memoiren eines Mannes, der nicht ich bin“.

Dieser Mann, der Joshua Cohen nicht ist, ist allerdings auch ein Joshua Cohen. Neben dem Alter teilen die beiden Hauptfiguren den Namen, wie sie ihn gewiss auch mit ihrem 1980 in im US-Bundesstaat New Jersey geborenen und derzeit als Samuel-Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin lehrenden Autor teilen.

Realistisches Erzählen und metafiktionaler Schabernack

Leserinnen und Leser, die am postmodernen Roman – von Autoren wie William Gaddis, Thomas Pynchon oder dem kürzlich verstorbenen William H. Gass – Leselust empfinden, wittern hier metafiktionalen Schabernack und unverlässliches Erzählen. Bei allem Experiment schöpft das „Buch der Zahlen“ jedoch eher aus dem Brunnen des realistischen Erzählens und sucht sich seine Anleihen besonders in den Zufallskonstruktionen und Geheimnissen des viktorianischen Romans.

Ähnlich wie in den Romanen seiner großen Vertreter, allen voran Charles Dickens, folgt Cohens Roman einer rasant erzählten, verschachtelten Jagd, voller Enthüllungen und toter Winkel, an deren Ende hier eine erfolgreich beschriebene Biografie stehen soll: Leben, Aufstieg und Ansichten des „großen Vorsitzenden“, dem stets in der Wir-Form sprechenden, dem Buddhismus verfallenen Web-Mogul Joshua Cohen.

Verschiedenste Textsorten

Der Roman bietet ein köstliches, vielgängiges Menü aus verschiedensten Textsorten, vom klassischen Erzähltext über Gesprächsprotokolle zwischen dem Cohen-Duo, über E-Mails und Blogeinträge, bis hin zu den Entwürfen der Schreibversuche des Autors über den großen Internet-Zampano, inklusive Streichungen und Anmerkungen. Einige der klügsten und witzigsten Einsichten des Romans sind als solche Marginalien versteckt: „Am Ende schreibe ich immer alle um und werde so selbst umgeschrieben.“

Durch das so erzeugte Fingieren einer provisorisch wirkenden Struktur entrollt sich das Buch auf dynamische Weise fast wie in Echtzeit. Es vermittelt dabei das Gefühl, man läse etwas zutiefst Privates, als halte man ein geleaktes Buch in Händen. Tatsächlich ist das öffentliche Interesse am Leben des „großen Vorsitzenden“ – die deutsche Übersetzung wählt sehr klug diese Assoziation mit Mao Zedong – und an dessen Gesundheitszustand (Parallelen zu Steve Jobs sind überall im Buch erkennbar) so groß, dass der Ghostwriter gegen die Zeit schreibt. Hinter jedem Gesicht könnte ein potenzieller Leaker lauern, und bald ist es schwer zu entscheiden, wem er denn nun vertrauen kann und wem nicht.

Ästhetik des Webs

Nicht nur auf diese Weise imitiert Cohens Roman die verschiedensten Auswirkungen und Modi des Internets und nimmt die Funktionsweisen des Digitalzeitalters mehr in seine ästhetische Ausformung auf, als sie bloß inhaltlich zu thematisieren. Die Vorzüge dieses ganz und gar außergewöhnlichen Romans liegen gerade darin, dass Cohen eine Abspiegelung unserer direkten Gegenwart vorlegt, ohne sie zu verklären oder zu verdammen. Das Internet ist hier, und es bleibt, und wie wir selbst leben diese Figuren damit und darin, wenn auch in verschiedenen Abstufungen. Unberührt vom World Wide Web bleibt allerdings keiner.

Anders als viele postmoderne Romane versperrt sich dieses Buch dabei nicht durch Obskuritäten, sondern collagiert die verschiedenen Schreibformen und Sprachregister nachvollziehbar, gewitzt und witzig nebeneinander.

Konfrontation mit dem Medium Buch

Noch mehr als die bereits auf Deutsch vorliegenden, vorzüglichen Werke „Vier neue Nachrichten – Four New Messages“ und „Solo für Schneidermann“ lädt Joshua Cohen in seinen scheinbar unerschöpflichen Sprachtempel ein, in dem die Angebeteten aus allen sprachlichen Registern zu stammen scheinen, vor Wortwitz und Ideenreichtum explodieren und dabei eine wunderbare Situationskomik zulassen. Zum Beispiel, wenn der Ghostwriter gegen Ende des Buches in Berlin aufschlägt („Berlin ist schon in sich das Nichts in höchster Vollendung“) und, in der komischsten Schilderung der Frankfurter Buchmesse seit Rainald Goetz, seinen deutschen Übersetzer Dietmar Klug trifft, der ihm gesteht: „Jeder Monat, jede Woche, jeder Tag ist mir wie ein Gang auf diese dumpfe Messe, denn ich wohne hier.“

Joshua Cohens wirklicher Übersetzer heißt nicht Dietmar Klug. Wurden die vorherigen deutschen Übertragungen durch Ulrich Blumenbach besorgt, wird Cohen diesmal durch Robin Detjes kongenialen Erfindungsreichtum in ein bald übermütiges, bald lyrisches Deutsch gekleidet, das Cohens Liebe für schweifende Stabreime und allerlei Assonanzen fulminant verwandelt. So entsteht ein äußerst lesbares und immer begeisterndes Meisterwerk über eine Welt, die auf den ersten Blick fremd und hyperaktiv anmuten mag, bis man erkennt, dass es von der Welt handelt, in der man dieses Buch in der Hand hält.

Das Projekt, das vom „Buch der Zahlen“ verfolgt wird, ist eben genau das: Die Hervorhebung des Ereignisses, das ein Roman darstellt – diese seltsame Zauberei, aus monochromen Zeichen Bilder und Klänge in den lesenden Kopf hineinzuschleudern. Nennt man das Buch einen Internetroman, erzählt man nur die Hälfte der Geschichte. Denn er konfrontiert uns damit, was es mit dem Medium Buch auf sich hat.

Die Schilderungen und Ästhetisierungen des Netzes fungieren dabei eher wie ein konturierender Spiegel. Denn vieles, was hier neuartig anmuten mag, hat das Buch längst vorgemacht. Der größte Unterschied liegt freilich in der Materialität, und auch diese wirft das „Buch der Zahlen“ ständig zum Nachdenken auf. Es konfrontiert uns damit, zu reflektieren, was geschieht, wenn ein Buch geschrieben wird – und was passiert, wenn es gelesen wird. Gleich der erste Satz über einen Technologie-Milliardär und einen Handwerker des gedruckten Buches lädt ein, die alte Kulturtechnik des Lesens erneut und grundsätzlich zu bedenken: „Verpisst euch doch einfach, wenn ihr dies am Bildschirm lest!“

Ob im Druck oder digital, das Lesen – wie das Internet, wie das Buch – wird bleiben. Und wir in ihm.

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Joshua Cohen: Buch der Zahlen. Roman. Aus dem Englischen von Robin Detje. Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2018. 752 Seiten, 32 €.

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