Neues Album von Lizzo : Wenn ich strahle, strahlen alle

Big is beautiful: Die US-amerikanische Musikerin Lizzo hat mit „Cuz I Love You“ ein tolles Soul-Pop-Album veröffentlicht.

Fabian Wolff
Melissa Jefferson alias Lizzo spielt Querflöte, singt, rappt und hat Humor.
Melissa Jefferson alias Lizzo spielt Querflöte, singt, rappt und hat Humor.Foto: Jabari Jacobs

„Bitch, don’t label me“ fordert Lizzo gegen Ende ihres neuen Albums „Cuz I Love You“, also: Steck mich gefälligst in keine Schublade. Sie ist sich bewusst, wie viele Identitäten sie abdeckt, welche Erwartungen und Ansprüche deswegen an sie gestellt werden, nicht zuletzt von der Musikindustrie, die traditionell wenig mit einer Musikerin wie ihr anzufangen weiß.

Dafür weiß die 30-jährige Lizzo – bürgerlich Melissa Jefferson – umso mehr, was sie will und wer sie ist. „Dass ich überhaupt existiere, ist schon ein revolutionärer Akt“, sagt sie in einem großen Porträt von Allison P. Davis für die Website The Cut. Sie hat zwei Ziele: ihre Lizzo-haftigkeit zu feiern, und nicht nur Sängerin, Rapperin, Musikerin zu sein, sondern einfach Künstlerin. Vielleicht auch Gesamtkunstwerk.

Große Bläser, große Riffs, großer Pop

So soll sich ihr drittes, am Freitag erscheinendes Album „Cuz I Love You“ nach nichts weniger anhören, als hätte „Aretha Franklin eine etwas räudige Rap-Platte aufgenommen“. Die Themen sind klar abgesteckt: Ich bin toll, du bist toll, es sei denn, du nervst mich. Der Sound ist fast schon klassisch: große Bläser, große Riffs, großer Pop. Hauptsache groß. Nach der Queen of Soul klingt das Album zwar eher selten, dafür nach ihrem Mentor Prince.

Denn es gibt doch eine Schublade, in die Lizzo sehr bequem passt: obwohl in Detroit geboren, in Houston aufgewachsen und inzwischen in L.A. lebend, ist sie im Herzen eine Minneapolis-Ikone. Die Stadt in Minnesota, aus der Prince und die Replacements stammen, ist eine der heimlichen Musikhauptstädte der USA. Dabei hat Minneapolis nicht die aggressiven Komplexe von Chicago, die ewig „second city“ bleibt. Stattdessen herrscht eine etwas abgründige Freundlichkeit, das „Minnesota nice“. Außenseiter spüren zwar, dass sie Außenseiter sind, müssen aber nicht um ihr Leben fürchten.

Obwohl sie nur ein paar Jahre in der Stadt gelebt hat, hat Lizzo dort künstlerisch zu sich selbst gefunden. Ihre musikalischen Einflüsse reichen vom Gospel in der Kirche und Südstaatenrap und Destiny’s Child im Radio hin zu Indie-Rock aus dem Kinderzimmer ihrer älteren Schwester und, als Querflötistin, klassischer Musik, wie sie in einem Interview mit dem „Rolling Stone“ erzählt. Erst in Minneapolis habe sie gelernt, diese Einflüsse zu mischen. Sie erweist der Stadt oft ihre Reverenz, etwa im Video zu „Batches & Cookies“, das auf den Treppen des Kapitols aufgenommen wurde.

Prince spukt durch das Album wie ein freundlicher Geist

Als sie 2013 diesen Song von ihrem Debütalbum „Lizzobangers“ veröffentlichte, schien es kurz so, als ob weibliche MCs im Halbwegs-Mainstream-Hip-Hop mehr als nur Ausnahmeerscheinungen sein könnten. Es kam anders, aber immerhin wurde Minneapolis-Majestät Prince auf sie aufmerksam und lud sie ein, an seinem Album „Plectrumelectrum“ mitzuarbeiten.

Prince spukt wie ein freundlicher Geist durch das Album. Viele Songs zollen ihm Tribut, nicht zuletzt die Single „Juice“, so etwas wie der Hit der Platte, die eigentlich nur aus Hits besteht. Mühelos wandelt Lizzo zwischen Tanzstampfern und Balladen, die Verletzungen andeuten, Zärtlichkeit einfordern und immer im wunderschönen Trotz enden: „I don’t need to apologize/ This big girl’s gotta cry“.

Körperbewusst und selbstbewusst

Das Wort „big“ hat einen zentralen Platz im unübersetzbaren sprachlichen Kosmos von Lizzo. Sie nennt sich und ihre Tänzerinnen auf der Bühne „big grrrls“, durchaus analog zu den riot grrrls, die in den Neunzigern den Alternative Rock aufmischten. „Big“ ist auch eines ihrer bevorzugten Wörter, um ihren eigenen Körper zu beschreiben. Auf dem Cover von „Cuz I Love You“ sitzt sie, mit ungewohnt ernsthafter Mine und langem schwarzem Haar, nackt auf dem Boden. Es ist das Hochglanz-Remake eines Selfies, das sie vor einiger Zeit auf Twitter veröffentlicht hat, als Abschluss einer Reihe von Tweets, in denen sie offen über ihre Probleme mit ihrem Körper spricht – die eigentlich nur Probleme mit ihrem Selbstbild waren, bis sie eines Tages zufällig ihren nackten Hintern im Spiegel sieht und vom Anblick zum ersten Mal begeistert ist.

Es sagt viel über den Diskurs in Deutschland aus, dass sich über Lizzo als körperbewusste und selbstbewusste Künstlerin auf Deutsch eigentlich nicht schreiben lässt, obwohl es im Englischen so elegant und flüssig funktioniert. Viele der essentiellen Begriffe wie body-positive und self-love haben keine oder negativ besetzte deutschen Entsprechungen. Lizzo ist in der Lage, aus diesen Begriffen mühelos Popsongs zu machen, die trotzdem Ideen und Botschaften enthalten: „If you feel like a girl/ Then you real like a girl“ – schöner und deutlicher lässt sich Trans-Inklusivität kaum verkünden.

Lizzo ist auch dann noch Rapperin, wenn sie sich vom Rap entfernt. Das Vorgängeralbum „Big Grrrl Small World“ von 2015 verstand sich auf den Kunsthandwerk-Hip-Hop, wie er damals hoch im Kurs stand, einschließlich Mitarbeit von Bon Iver. „Cuz I Love You“ hingegen ist eine Soul-Partyplatte, mit Lizzo als Ballkönigin und großzügiger Gastgeberin, die sich melodramatisch streitet und sich dann melodramatisch versöhnt. Das zeigt sie als Erbin von Etta James, die auf eine Dummer-Typ-Hymne wie „Jerome“ sehr stolz wäre: „Jerome/take your ass home/and come back when you’re grown“.

Sinn für Solidarität und Humor

Dieser Tonfall bestimmt gerade, mit Recht, den Pop. Was Lizzo von Rap-Kolleginnen wie Cardi B und Nicki Minaj unterscheidet, ist ihr großes Herz und ihr Sinn für Solidarität. Wenn Cardi B sich selbst preist, dann meint sie damit vor allem, dass sie sich gegen andere Frauen durchgesetzt hat. Lizzo hingegen hat keine Lust auf Wettbewerb: „If I’m shinin’/everybody gonna shine“, ist ihr erklärtes Motto, und so fordert sie von ihren Fans auch keinen Gehorsam, sondern lädt sie ein, mit ihr und manchmal auch über sie zu lachen.

Ihr Talent für Comedy zeigt sich nicht nur in der Musik, sondern auch online. Selbst ihre Flöte „Sasha Flute“ (nach Sasha Fierce, dem kurzlebigen Alias von Beyoncé) hat ein eigenes Instagram- Konto, nach ihrem aktuellen Auftritt beim Coachella-Festival gab es den populären Hashtag #flutechella, ihr Duett mit Janelle Monáe war der klare Höhepunkt.

Beide sind Erbinnen von Prince: während Monáe seine verkopft-sinnliche und trotzdem unterkühlte Seite abdeckt, lässt sich Lizzo von seinen verschwitzten und alles andere als metaphorischen Sex-Jams inspirieren. Kein Wunder, dass schnell die Hoffnung auf ein gemeinsames Album laut wurde. Das wäre vielleicht wirklich zu viel des Guten – also genau richtig. Bis dahin ist sich Lizzo im besten Sinne selbst genug.

„Cuz I Love You“ erscheint am 19.4. bei Warner

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