Paul Celan zum 50. Todestag : „Ich nehme niemals ein Gedicht zurück“

Der Germanist Wolfgang Emmerich im Gespräch über Paul Celans Verhältnis zur weltberühmten „Todesfuge“.

Deutscher Dichter rumänischer Herkunft in Pariser Randlage. Paul Celan (1920 - 1970).
Deutscher Dichter rumänischer Herkunft in Pariser Randlage. Paul Celan (1920 - 1970).Foto: Willi Antonowitz/dpa

„Das Gedicht steht gegen Goebbels und Goll“: Mit diesem Credo wehrte sich Paul Celan gegen seine Kritiker, die ihm mit antisemitischen Ressentiments und Plagiatsvorwürfen zusetzten. Freilich: Er hat dieses Bekenntnis nie veröffentlicht, es findet sich nur in den Notizen zu seiner „Meridian“-Rede anlässlich der Verleihung des Büchnerpreises im Oktober 1960. Der bedeutendste deutschsprachige Dichter seiner Zeit verwand die Kränkungen nie, wobei er unter den Infamien rechter „Grabschänder“ ebenso litt wie unter den leichtfertigen Äußerungen der von ihm so apostrophierten „Linksnibelungen“.

Nach den Plagiatsvorwürfen durch Claire Goll traf ihn im Oktober 1959 der Verriss seines Gedichtbandes „Sprachgitter“ durch Günter Blöcker im Tagesspiegel besonders schwer. Die Verwerfungen rund um die „Goll-Affäre“ und die scheiternden Dichterfreundschaften sind ein zentrales Thema in Wolfgang Emmerichs Studie „Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen" (Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 400 Seiten, 22 €).

Herr Emmerich, es gibt eine Schlüsselszene für das Verständnis des Dichters Paul Celan: seine Begegnung mit dem Philosophen Martin Heidegger am 25. Juli 1967 im Schwarzwalddorf Todtnauberg. Hat man die berüchtigten „Schwarzen Hefte“ Heideggers vor Augen, fällt es schwer zu glauben, dass sich der jüdische Dichter für das Werk eines antisemitisch denkenden Philosophen interessiert hat. Wie kommt es zu dieser Nähe Celans zu Heidegger?

Es gibt einen Briefentwurf von Celan von 1954, da schreibt er fast devot an Martin Heidegger und nennt ihn seinen „Denk-Herrn“. Das ist ein großes Wort, das schreibt man nicht so dahin. Der Brief ist zwar nicht abgeschickt worden, aber er ist erhalten und datiert. Was hat Celan so fasziniert? Ihn faszinierte, dass Heidegger der Dichtung eine Mission und ein Wesen zugesprochen hat, das sie ganz in der Nähe des „Seins“ platzierte.

Die Griechen, so Heideggers Vorstellung, waren diesem „Sein“ näher. Danach sieht er nur noch die Verfallsgeschichte der Menschheit, manifestiert in ihrer technologischen Entwicklung. Innerhalb dieser Verfallsgeschichte gibt es nur ein Medium, das dieses „Sein“ berühren kann – das ist die Sprache und ganz speziell die dichterische Sprache.

Und da kam ihm Celan recht.

Heidegger hat Celan gewissermaßen ein Angebot gemacht, nämlich mit dem, was er als Dichter schrieb, an den Urgrund unserer Welt heranzureichen. Das ist wie ein Versprechen für Celan gewesen. Nun ist er aber so intelligent und geschichtskundig gewesen, und kundig auch in der Geschichte der Schoah, der Massenvernichtung der europäischen Juden, dass er schnell erkannt hat, dass sich Heidegger um dieses Problem drückt.

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Celan entwickelte rasch Freundschaften mit deutschen Schriftstellerkollegen, die regelmäßig in Zerwürfnissen endeten. Das gilt für Heinrich Böll und Rolf Schroers ebenso wie für Celans Lektor Rudolf Hirsch. Ein Kapitel Ihres Buches handelt von Celans Abgrenzung gegenüber den „Rechtsnibelungen“ wie den „Linksnibelungen“. Was heißt „Linksnibelungen“?

Aus Celans Sicht heißt das, dass die linke Bewegung, mit deren politischen Vorstellungen er eigentlich sympathisiert, also eine linke SPD mit anarchistischem Einschlag, dass die antisemitische Tiefenstrukturen hat, die sich bei Gelegenheit wieder melden. Er weiß, das ist nicht zu verwechseln mit dem Antisemitismus eines Hans Egon Holthusen oder eines Günter Blöcker, seiner Kritiker also, die mal richtige Nazis waren, Holthusen war ja SS-Mitglied. Aber Celan sieht auch, was tief in diesen Deutschen schlummert, auch in den „Linksnibelungen“.

Wie kam es zu diesem Ausdruck?

Celan hing in seiner Jugend sehr an den alten germanischen Heldensagen, speziell am Nibelungen-Mythos. Für ihn war es ein schwerer Abschied von den Mythen seiner Kindheit. Er sieht aber, dass das Nibelungische, verbunden mit Antisemitismus, gleichsam als Unterstrom im Bewusstsein weitergeht. Bei der politischen Rechten ist das völlig klar, bei der Linken ist es etwas, wofür Celan ein großes Sensorium entwickelt, was sich vor allem in seinen Gedichten aus dem Nachlass manifestiert. Selbst eine Gestalt wie Walter Benjamin wird Celan verdächtig.

Celan, dessen Eltern von den Nazis ermordet wurden, hat sich oft mit dem russisch-jüdischen Dichter Ossip Mandelstam und dessen Verfolgungsschicksal identifiziert. Mandelstam starb 1938, krank und ausgezehrt, in einem stalinistischen Arbeitslager bei Wladiwostok …

Ja, es gibt diese emphatische Identifikation mit Mandelstam. Und es gibt auch eine andere Lesart des Jüdischen. In Deutschland war in den 1950er Jahren ein vordergründiger Philosemitismus entstanden, der nur die Funktion hatte, zuzudecken, dass man einmal Antisemit war. Ein Beispiel wäre Alfred Andersch mit seinem Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ (1957), wo es eine schöne Jüdin gibt.

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Diese deutsche Vorliebe für die schöne Jüdin hat eine lange Geschichte. Kurz gesagt: Es ist einfacher, sich den schönen, klugen Jüdinnen zuzuwenden und dann gönnerhaft zu sagen: Das ist ja ganz schrecklich mit diesen Morden, das sind ja ganz wunderbare Menschen.

Für Celan war diese Art von Philosemitismus eine Falle.

Er spricht von der „krummnasigen“ Kreatur, den in den Gaskammern Umgekommenen. Den Verkohlten, zu Asche Gewordenen: „Der bucklige, stotternde, hinkende Jude, der vergast wurde – er ist das Opfer.“ Wenn wir das nicht lernen, so Celan, auf diese „krummnasigen“ Juden einzugehen, werden wir den Antisemitismus nicht überwinden.

Celan hatte ein ambivalentes Verhältnis zu seinem berühmten Gedicht „Todesfuge“. 1966 schreibt er: „Auch musiziere ich nicht mehr, wie zur Zeit der vielbeschworenen Todesfuge, die nachgerade schon lesebuchreif gedroschen ist. Jetzt scheide ich streng zwischen Lyrik und Tonkunst.“ Wollte er die „Todesfuge“ nicht mehr anerkennen?

Hans Mayer, der deutsch-jüdische Literaturwissenschaftler, gebrauchte mal die Formulierung, Celan habe sie „zurückgenommen“. Da hat Celan entgegnet: „Ich nehme niemals ein Gedicht zurück, lieber Hans Mayer.“ Bei seiner Israel-Reise im Herbst 1969 hat er aber widerstanden, als seine alten Czernowitzer Freunde im Publikum die „Todesfuge“ forderten.

Celan las das Gedicht nicht, er wollte einfach nicht darauf festgelegt werden. Celan hat die „Todesfuge“ nicht zurückgenommen. Aber er hat seit dem Band „Sprachgitter“ (1959) klar formuliert, dass er nur noch Gedichte in einer „graueren Sprache“ schreiben will, dass er nicht mehr „musizieren“ will.

Hat er das auch umgesetzt?

Gedichte wie „Du liegst im großen Gelausche“ zur Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs haben immer noch Musikalität, Rhythmus, Reime. Zum Glück ist Celan die „Scheidung zwischen Lyrik und Tonkunst“ nicht gelungen.

Das Gespräch führte Michael Braun.

Der Germanist Wolfgang Emmerich, 1941 in Chemnitz geboren, lehrte bis 2006 Literatur- und Kulturwissenschaften an der Universität Bremen.

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