Philharmonischer Chor Berlin : Naturgewalt

Der Philharmonische Chor und die Staatskapelle Halle mit Janáceks "Glagolitischer Messe" und Kodálys "Te Deum".

Der Philharmonische Chor Berlin.
Der Philharmonische Chor Berlin.Foto: PCB

Frömmigkeit kann auch ganz anders klingen als im Lande von Händel und Bach. Nach Naturlaut und Minimal Music, Geschrei und Geflüster, verzückt und archaisch, gregorianisch und volksnah zugleich, chromatisch und synkopisch vertrackt.

Schrille Geigen, funkelnde Trompeten, insistierende Tonrepetitionen, eine munter aufbrausende Orgel: In Leoš Janáceks „Glagolitischer Messe“ (1926 - 1928) ist Gott eher in den Wäldern zuhause und den Niederungen der menschlichen Tragödie als in himmlischen Sphären. Der Glaube siedelt zwischen tobenden Winden und murmelnden Bächen, während Chor und Orchester in Siebenmeilenstiefeln das Erdenrund durchschreiten. Auf bange Evokationen folgt aggressiver Jubel, bis das Bekenntnis „Veruju – ich glaube“ im altslawischen Idiom mit seinen weichen Konsonanten wie eine Geisterbeschwörung anmutet. Ein Akt der Besänftigung.

Der Philharmonische Chor Berlin und die Staatskapelle Halle haben sich das eigentümliche, technisch höchst anspruchsvolle pantheistische Sakralwerk mit Orchester-Intrada, Orgelsolo und Schlussfanfaren vorgenommen; in der Philharmonie erklang es zuletzt 2013 (und demnächst, im November, erneut unter Leitung von Simon Rattle). Ein ehrgeiziges, lohnenswertes Unterfangen. Auch wenn die Anstrengung mitunter zwischen den Noten hervorblitzt, das Blech bei den Fanfaren schwächelt und die Solisten (Camilla Nylund, Karina Repova, Tomasz Zagorski, Jozef Benci) Janáceks durchaus theatralischen Duktus allzu opernhaft intonieren.

Der Chor unter Jörg-Peter Weigle legt wie schon bei Zoltán Kodálys „Te Deum“ (1936) große Homogenität an den Tag, besticht mit warmem, volltönendem, nie auftrumpfendem Klang. Auch die metallische Schärfe, die Kodály den Sopranen abverlangt, macht den Sängerinnen keine Mühe – nur wünschte man sich bessere Textverständlichkeit.

Das erste und (beinahe) letzte Wort hat der Merseburger Domorganist

Michael Schönheit bestreitet nicht nur die vorletzten Takte bei Janácek, der Merseburger Domorganist hat auch das erste Wort an diesem Abend, mit Liszts „Präludium und Fuge über B-A-C-H“. Die Komposition wurde ebendort uraufgeführt, in Merseburg im Jahr 1956: noch so ein dramatisch ausholendes, mit abrupten Registerwechseln und raumgreifenden Crescendi die Kirchenmauern sprengendes Werk. Schade übrigens, dass der Saal nicht voll ist – was wohl damit zu tun hat, dass der Rias-Kammerchor gleich nebenan im Kammermusiksaal seinen 70. Geburtstag feiert. Berliner Chorgesang-Fans mussten sich entscheiden.

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