Pierre Boulez Saal : „Junge Sänger brauchen Praxis“

Bei der Schubert-Woche im Berliner Pierre Boulez Saal arbeitet Starbariton Thomas Hampson mit Nachwuchstalenten

Jonas Zerweck
Der Klang muss fließen. Thomas Hampson arbeitet mit Jessica Dandy.
Der Klang muss fließen. Thomas Hampson arbeitet mit Jessica Dandy.Foto: Petzer Adamik

Vom zweiten Stock aus hat man durch die Scheiben einen perfekten Blick in den Pierre Boulez Saal. Wie vier verglaste Balkone ragen die Fensterfronten in den Raum. In einer dieser Einbuchtungen sitzt Bariton Thomas Hampson und spricht über seine Stipendiaten, von denen sich einige bereits im Saal tummeln und auf ihn warten. Einmal klopft er an die Scheibe, ruft ihnen lachend zu, sie sollen doch schon mal mit der Gymnastik anfangen. Von hier oben geht beides gleichzeitig: Interview geben und Talente beaufsichtigen.

Er kennt die sechs jungen Sänger und Sängerinnen bereits gut. Mit allen hat er in der Lied-Akademie des Heidelberger Frühlings zusammengearbeitet. In Berlin bereitet er sie auf die Schubert-Woche vor, die an diesem Montag im Boulez Saal beginnt. Jeder Stipendiat darf an den drei Abenden eine Konzerthälfte singen. Es erklingt ausschließlich Schubert, allerdings nicht die bekannten Zyklen. „Es wird lauter Lieder geben, die nie jemand in seinem Leben gehört hat. Das wird spannend!“, freut sich Hampson.

Hampson selber wird die Woche eröffnen

Die Schubert-Woche ist Teil eines ambitionierten Vorhabens des Boulez Saals: Über mehrere Jahre sollen in dem neuen Kammermusiksaal alle Lieder Schuberts mindestens einmal aufgeführt werden. Dem Ziel kommen alle Beteiligten jetzt einen großen Schritt näher. Thomas Hampson als Kurator wird die Woche selbst eröffnen und von seinem langjährigen Klavierpartner Wolfram Rieger begleitet. Ihr Programm musste 2018 krankheitsbedingt ausfallen. „Bei Schubert beeindruckt mich, wie er sich psychologisch mit Menschen in verschiedenen Kontexten auseinandersetzt“, schwärmt der Sänger. Schubert würde oft mangelnde Literaturkenntnis vorgeworfen, weil er so viele unterschiedliche Gedichte vertont hat. Hampson vermutet hingegen, dass er einfach fasziniert davon war, wie vielfältig sich Menschen artikulieren. Das drückt sich bei ihm auch durch viele Gelegenheitskompositionen aus, etwa das Trinklied „Ihr Freunde und du gold’ner Wein“, das am Montag auf dem Programm steht. Eine dringende Aufführungsnotwendigkeit bringen diese Werke nicht mit, doch in ein umfassendes Schubert-Bild gehören auch sie. Immerhin ermöglicht die ungeschönte Auswahl, Neues zu entdecken, hier etwa die schunkelnde Wirtshausatmosphäre des frühen 19. Jahrhunderts.

Freitag und Samstag sind die Meisterkurse öffentlich

Ab Dienstag sind dann die sechs ehemaligen Liedakademisten dran. Sie werden begleitet von zwei erfahrenen Pianisten, Wolfram Rieger und Malcom Martineau. Vormittags wird Hampson derweil zehn junge Nachwuchstalente unterrichten. Drei Tage sind da ein knapper Zeitraum, um ein gemeinsames Vokabular aufzubauen und zueinanderzufinden, bevor am Freitag und Samstag der Unterricht für Interessierte geöffnet wird. „Öffentliche Meisterkurse sind letztlich eine Vetrauenssache, denn wir erlauben einem Publikum, mitzuerleben, wie wir arbeiten. Ich rede zwar manchmal ein bisschen mit dem Publikum, weil ich es auch nicht ignorieren möchte, aber letztlich hat es nichts mit ihm zu tun.“ Was die Sache für die Beobachter nicht weniger interessant macht, wie Hampson aus Erfahrung weiß. „Das Publikum ist dankbar, die Stücke besser kennenzulernen. Zuhörer sind oft verblüfft, wie detailliert Musiker überhaupt arbeiten müssen – aber auch, dass diese jungen Leute bereit sind, mit mir so ins persönliche Detail zu gehen.“

"Was Sänger brauchen, sind Aufführungen"

Das durchweg positive Feedback auf Meisterkurse dämpft auch seine Sorge, dass die gesellschaftliche Fähigkeit, musikalische Erfahrung zu bewerten, abnimmt. Seine Hoffnung ist: Wer einmal in die Arbeit der Sänger eingetaucht ist, kann besser einschätzen, was Liedgesang bedeutet und wie wertvoll er ist.

Nach den Meisterkursen geben schließlich auch die Stipendiaten der Schubert- Woche ein Konzert. Insgesamt also bekommen 16 Nachwuchstalente Auftrittsmöglichkeiten in nur sieben Tagen. „Es gibt heute genügend Möglichkeiten, Gesang zu studieren und Workshops zu belegen, aber was Sänger brauchen, sind Aufführungen“, sagt Hampson. „Sie müssen auf die eigenen Füße finden und Gewohnheiten entwickeln können. Das braucht einfach Praxis.“

Neben den jungen dürfen auch gestandene Liedsänger auf die Bühne: Werner Güra tritt am Freitag mit seinem Pianisten Christoph Berner auf, Mark Padmore wird am Samstag von Kristian Bezuidenhout am Hammerflügel begleitet. Zum Abschluss treffen mit Julius Drake und Julien Van Mellaerts ein Pianist mit langer, bedeutender Karriere und eine junger, vielversprechender Bariton aufeinander. Sie alle vereint: Schubert.

Weitere Infos: www.boulezsaal.de

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