Pioniere der Freizügigkeit : Berlin war ihre Bühne

Fritz und Alfred Rotter leiteten das größte Privattheater-Unternehmen der Weimarer Republik. In einer spannenden Doppelbiografie erzählt Peter Kamber vom Aufstieg und Fall des jüdischen Brüderpaares.

Die Operette „Ball im Savoy“, hier inszeniert von Barrie Kosky, war der letzte Erfolg der Rotters.
Die Operette „Ball im Savoy“, hier inszeniert von Barrie Kosky, war der letzte Erfolg der Rotters.Foto: Iko Freese/drama-berlin.de

Zu ihrem letzten großen Erfolg wurde 1932 „Ball im Savoy“ – jene Operette, der Barrie Kosky vor sieben Jahren an der Komischen Oper zu einer Renaissance verholfen hat. Als Produzenten brachten Fritz und Alfred Rotter ebenfalls 1932 auch „Eine Frau, die weiß, was sie will“ zur Uraufführung – ein weiterer Hit bei Koskys Wiederbelebung des unterhaltenden Musiktheaters aus der Endphase der Weimarer Republik.

Während aber die Komponisten der beiden Stücke, Paul Abraham und Oscar Straus, durch den Operettenschwerpunkt der Komischen Oper zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangten, blieb das Brüderpaar, das diese Publikumserfolge einst möglich machte, weiter im Dunkeln.

Peter Kamber hat das nun geändert. 2002 begann er sich für die Rotters zu interessieren, auf 500 Seiten erzählt der Historiker und Romancier jetzt von ihrem Leben und Wirken im Berlin der vermeintlich Goldenen Zwanziger. 

Spannend zu lesen ist die Chronik des Aufstiegs, weil am Beispiel ihrer Karriere auch ein Panorama des deutschen Kulturlebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsteht. 

Melodramatisch, teilweise kriminalromanhaft, lesen sich die Umstände des Untergangs des Rotter-Imperiums, der fast zeitgleich zur Machtergreifung der Nationalsozialisten stattfindet.

In fünf Akte hat Kamber seine Doppelbiografie gegliedert, wie ein klassisches Drama. Und die ganz hohe Theaterliteratur ist es zunächst auch, die Fritz und Alfred Rotter fasziniert. 

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Sie werden 1886 und 1888 in Leipzig geboren, wachsen aber in Berlin auf, wo der Vater eine „Herren- und Knaben-Konfektion en gros“ betreibt. Die Familie ist jüdisch, den Nachnamen Schaie, der sich auf den Propheten Jesaja bezieht, legen sie zur Vermeidung antisemitischer Ressentiments bereits beim Start ins Berufsleben ab.

Schon als Schüler beschließen Fritz und Alfred, ans Theater zu gehen, 1909 bringen sie Werke der Avantgardisten Wedekind und Strindberg auf die Bühne, mit 22 Jahren wird Fritz die Leitung der Krolloper angetragen, wo er neben Klassikern auch Ibsen aufführt. 

Während der Kriegsjahre gelingt es ihnen durch mancherlei Tricks, nicht zum Militär eingezogen zu werden, nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs schlägt dann ihre Stunde: Sie steigen ganz groß ins Geschäft mit der Unterhaltung ein, werden zu den prägenden Theatermachern der Inflationszeit, begeistern mit aufwändig ausgestatteten, aggressiv beworbenen Lustspielen – und sichern sich die dauerhafte Feindschaft des seriösen Feuilletons.

Ehebruch und lesbische Liebe

Dabei sind sie Pioniere in Sachen Freizügigkeit, wie Biograf Peter Kamber betont. Denn sie machen Theater mit den Mitteln des Kinos, und sie greifen früh viele jener Gegenwartsthemen auf, die man heute mit dem künstlerischen Aufbruch der Zwanzigerjahre verbindet

Auf den Rotter-Bühnen geht es um Ehebruch und lesbische Liebe, die Protagonistinnen sind starke Frauen, die sich gegen Konventionen auflehnen.

Ihre Kritiker wollen das nicht sehen. In Zeiten, wo künstlerische Strömungen wie der Expressionismus blühen und die Politisierung der Theaterkunst propagiert wird, kommt die strikte Ausrichtung der Rotters auf Marktgängigkeit und Breitenwirkung nicht gut an bei den Intellektuellen. 

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In den Feuilletons wird hervorgehoben, dass sie ihr Unternehmen nach Methoden führen, „die dem Betrieb eines Warenhauses um ein Haar ähneln“.

„Ihr Wirken gibt mir die Gewissheit, dass sie die übelsten Schädlinge sind, welche die deutsche Theaterkunst seit Geschlechtern aufzuweisen hat“, wettert Alfred Kerr 1924. „Sie pflegen Kitzlig-Obszönes in der plattesten Form.“ 

Peter Kamber dagegen nimmt das Bruderpaar mit dem liebevollen Blick des Biografen in Schutz, zeigt auf, dass sie neben Frivolem auch moderne Dramatik spielen, Stücke von Gerhard Hauptmann, George Bernhard Shaw, Arthur Schnitzler. 

16-Zimmer-Villa in Grunewald

Adele Sandrock und Tilla Durieux treten bei ihnen auf, sie befördern die Karrieren von Käthe Dorsch und Hans Albers.

Nach den hartnäckigen Presse-Attacken ziehen sich Alfred und Fritz von 1925 bis 1927 aus dem aktiven Theaterbetrieb zurück, in ihre 16-Zimmer-Villa in Grunewald direkt beim Bismarckplatz. Und starten dann wieder durch. 

Sie pachten das Metropol Theater (in dem heute die Komische Oper residiert) und zeigen dort Franz Lehárs sentimentale Operetten – in die das Publikum strömt, „um herzhaft zu weinen“. 

Zwei Millionen Reichsmark spielt allein „Friederike“ ein, Lehàrs Goethe-Operette, in der Richard Tauber schmachtet „Oh Mädchen, mein Mädchen, wie lieb ich dich“. Der Theaterkritiker Herbert Jhering ätzt: „Die Internationale des Spießertums gibt sich bei den Rotters ein Stelldichein.“

1929 spült das „Land des Lächelns“ noch mehr Geld in die Kasse – das die Brüder aber sofort wieder an der Börse verzocken. Ihr „zu jedem Risiko bereiter Wagemut“ ist in den Augen von Peter Kamber zugleich ihre größte Schwäche wie ihre größte Stärke: Die Tollkühnheit bringt sie in der Kulturwirtschaft ganz nach oben, privat aber reißt sie Fritz und Alfred Rotter in den Abgrund.

Doch zunächst können sie den Ruin noch hinauszögern, dank ihres untrüglichen Zeitgeist-Gespürs. Sie setzen auf die heiteren Operetten von Paul Abraham und Ralph Benatzky, die geprägt sind von Jazz und aktuellen Modetänzen. 

Größter Theaterkonzern Europas

Abraham landet bei den Rotters zwei Mega-Hits mit „Viktoria und ihr Husar“ sowie „Blume von Hawaii“, Benatzky liefert „Mit dir allein auf einer einsamen Insel“ sowie „Morgen geht's uns gut“ als Star-Vehikel für Fritzi Massary – das „Weiße Rössl“ allerdings schreibt er im Auftrag des Konkurrenten Eric Charell.

Im Frühjahr 1932 stehen Fritz und Alfred an der Spitze des größten Theaterkonzerns Europas, sie bespielen sieben Berliner Bühnen, neben dem Metropol das Theater des Westens, den Admiralspalast, das Theater in der Stresemannstraße (heute HAU), das Lessing- und Zentraltheater sowie das Lustspielhaus (alle im Krieg zerstört). 

Die lange eingespielte Arbeitsteilung funktioniert: Fritz, der jüngere, pfiffigere, übernimmt das Management, verhandelt im Hintergrund mit Vertragspartnern und Geldgebern, während Alfred, der Erstgeborene, als „künstlerischer Oberleiter“ die Stars bei Laune hält und im Probenprozess die Produktionen auf Publikumswirksamkeit überprüft. 

Hochverschuldet

Alfred ist verheiratet, Fritz ledig – und aktiv als Transvestit im Nachtleben der Reichshauptstadt. Doch dann endet im Januar 1933 der Tanz auf dem Vulkan: Die „Gesellschaft der Funkfreunde“ zwingt den Rotter-Konzern in den Konkurs. 

Seit langem schon sind die hochverschuldeten Brüder von der Besucherorganisation abhängig, die mit verbilligten Eintrittskarten die Menschen weg von den Radioapparaten in die Live-Aufführungen locken will.

Sämtliche Einnahmen aus dem Sensationserfolg „Ball im Savoy“ müssen Fritz und Alfred direkt an die Funkfreunde abführen. Als dann noch der Verband der Bühnenautoren und -verleger behauptet, die Rotters hätten gar keine Spielerlaubnis mehr, verweigern die Banken weitere Kredite.

Entführung und Todessturz

Doch statt sich dem Konkursverfahren zu stellen, setzen sich die Brüder nach Liechtenstein ab. Mit fatalen Folgen: Dort nämlich beschließt eine Gruppe nationalistisch und antisemitisch verblendeter junger Männer, sie zu entführen und über die Grenze nach Deutschland zu bringen. 

Das Kidnapping misslingt zwar, Alfred und seine Frau aber stürzen auf der Flucht über einen Abhang 15 Meter in den Tod. Fritz kommt mit einer Schulterverletzung davon, gelangt illegal nach Frankreich, wo er sich nahezu mittellos durchschlägt, bis er 1939 wegen eines Scheckbetrugs festgenommen und verurteilt wird. Er stirbt aus ungeklärten Ursachen während der Haft.

Bis auf drei Stolpersteine vor der im Krieg zerstörten Grunewald-Villa und einer Gedenktafel im Durchgang zum Admiralspalast erinnert heute in Berlin nichts mehr an die größten Privattheater-Unternehmer der Weimarer Republik.
Peter Kamber: Alfred und Fritz Rotter. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil. Henschel Verlag 2020, 503 Seiten, 26 Euro.

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