Poesiefestival Berlin : Meine Birne, dein Winter

Eine Reise in das sonderbare Universum der kanadischen Dichterin Anne Carson, die am Sonntag die Berliner Rede zur Poesie hält.

Sinn für trockenen Humor. Anne Carson in einem Videostill ihrer Berliner Rede zur Poesie.
Sinn für trockenen Humor. Anne Carson in einem Videostill ihrer Berliner Rede zur Poesie.Foto: Poesiefestival

Vielleicht ist sie schon allein wegen ihres schwindelerregenden Denkradius eine schwierige Dichterin. Das Allerschwierigste an Anne Carson aber ist, dass man bei ihr nie so genau weiß, woran man ist. Sie meint es ernst, sie meint es nicht ernst, sie meint es ernst, sie meint es nicht ernst ... Das Klima ihrer Texte ändert sich mitunter von Satz zu Satz.

Wer das Glück hat, sie als verschmitzte Vortragskünstlerin zu erleben, erhascht gelegentlich noch einen Hinweis darauf, wie spöttisch ihr zumute ist, wenn sie ihre Zungenspitze, tongue-in-cheek, in die linke oder rechte Backentasche schiebt. Sie stürzt sich aber auch gerne mit ausdrucksloser Buster-Keaton-Miene in ihre Assoziationsabenteuer. Nachdem gedruckte Texte erst recht nicht mit der Wimper zucken, sucht man oft vergeblich nach Signalen, wohin das Pendel schlägt.

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Die kanadische Dichterin, 1950 in Toronto geboren, treibt Ironie für Fortgeschrittene: trügerisch leicht an der Oberfläche, abgründig in den Bedeutungstiefen, wenn dies innerhalb ihrer Polaritäten grundsätzlich in Frage stellenden Texte treffende Zuschreibungen wären. Antike und Gegenwart, Männliches und Weibliches, Ich und Welt, Autobiografisches und Erfundenes, Unvermitteltes und Vermitteltes verlieren ihre Unversöhnlichkeit.

In ihrem Interview mit der „Paris Review“ erklärte sie, alles, was sie ihren Studierenden beibringen wolle, liege in einem Zitat aus Gertrude Steins „Tender Buttons“: „Act so there is no use in a center“ – verhalte dich so, dass ein Mittelpunkt nutzlos ist.

Bei Anne Carson fallen die Jahrtausende zusammen wie die Gattungen. Als Altphilologin, die bis vor wenigen Jahren an Universitäten lehrte, ist ihr die altgriechische Kultur vertraut. Im Titeltext ihres 2014 in der Übersetzung von Anja Utler erschienenen Bandes „Decreation“ treffen drei große Häretikerinnen aufeinander: die Dichterin Sappho aus dem siebten vorchristlichen Jahrhundert, die französische, im Konflikt mit der Kirche zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilte Mystikerin Marguerite Porete aus dem 13. Jahrhundert und die Philosophin Simone Weil aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Ein griechisches Monster mit drei Köpfen

Carsons erst im vergangenen Jahr mit dem Nachtrag „Rot Doc“ neu erschienener Versroman „Die Autobiografie von Rot“ erweckt Geryon, ein durch ein Fragment des Dichters Stesichoros überliefertes rotes Monster mit drei Köpfen, zu einem zweiten nordamerikanischen Leben, wo es vom eigenen Bruder sexuell missbraucht wird.

Oder Longinus’ bis heute maßgebliche Schrift über das Erhabene trifft auf Lucia Bosé und Monica Vitti, Heroinen aus Michelangelo Antonionis Filmen. Bei alledem pfeift sie auf jede Unterscheidung von Poesie und Prosa. Texte mit Zeilenbruch heißen bei ihr Essay, und Essays enthalten dramatische Dialoge. Alles lässt sich in alles umwandeln.

Anne Carson hat es weit darin gebracht, auch das Unzusammenhängende in einen Zusammenhang zu bringen. In „Irdischer Durst“, ein Band, den ihre andere verdiente Übersetzerin, Marie Luise Knott, ins Deutsche gebracht hat, beschreibt sie, was dabei entsteht, als Stadt: „Städte sind die Illusion, dass Dinge irgendwie zusammenhängen, meine Birne, dein Winter. Ich bin eine Städteforscherin, Gott sei’s gelobt. Was ich tue, zu erklären, ist einfach. Wer forscht, nimmt einen Standpunkt ein. Von dem aus gewisse Linien sichtbar werden. Anfangs glaubst du, dass ich die Linien selbst zeichne, dem ist nicht so. Ich weiß lediglich, wo ich stehen muss, um die Linien zu sehen, die es ja gibt. Und das Mysteriöse, tatsächlich Mysteriöse ist, dass die Linien sich von alleine zeichnen.“

Scharf konturiertes Wissen trifft auf eine Logik der Unschärfe

Menschliche Erkenntnis funktioniert bis zu einem gewissen Grad genau so. Der besondere Reiz von Anne Carsons Texten rührt dabei nicht zuletzt aus dem Zusammenstoß eines scharf konturierten Wissens mit einer Logik der Unschärfe, die sich auf keinerlei Aussage zurechtstutzen lässt.

Meine Birne, dein Winter: Weiter können Dinge nicht auseinanderliegen, und manchmal überspannt Anne Carson den Bogen, überraschende Konstellationen zu schaffen, bis zur Beliebigkeit. Die von alleine sprechende Sprache wirft zwar immer noch Sinneffekte ab, doch sie führen ins Dunkel einer Welt, die für sich schon undurchschaubar genug ist.

Ihren Ruhm in der zeitgenössischen Poesie hat das nicht behindert – ein Ruf, der sich bis zur Stockholmer Akademie herumgesprochen hat, wo sie seit einer Weile als Nobelpreiskandidatin gehandelt wird. Für ihre Berliner Rede zur Poesie hat sie Miniaturessays namens „Short Talks“ ausgegraben, als „Dreizehn Blickwinkel auf Einige Worte“ (Wallstein Verlag) zusammengestellt und auf Video eingelesen – samt dem Versuch, das Publikum als griechischen Chor einzusetzen. Einige der von Anja Utler übersetzten „Worte“ finden sich als „Kurze Reden“ in der Version von Marie Luise Knott zugleich in „Irdischer Trost“.

Hommage an Wallace Stevens

Auch in Carsons Berliner Rede, deren Titel auf Wallace Stevens’ berühmte „Thirteen Ways of Looking at a Blackbird“ (Dreizehn Arten eine Amsel zu betrachten) anspielt, ein multiperspektivisches Gedicht, in dem weder ein Ich noch eine Außenperspektive das Sagen hat, liegen das Bezwingende und das Willkürliche nah beieinander. Flaubert und Hegels Schwester treffen auf Homer und John Ashbery.

Gleich zu Anfang ein Kabinettstück: ein Lob des Irrtums, das die Gedanken des Aristoteles zur Metapher in der „Rhetorik“ mit einem Fragment des Chorlyrikers Alkman verknüpft: „Alles wirkt zunächst sonderbar, widersprüchlich oder falsch. Dann ergibt es Sinn.“ Eine Aneinanderreihung erfundener Geschehnisse rund um Joseph Conrad ist allerdings eher eine bloße Demonstration, wie Texte den Anschein von etwas Wirklichem erwecken.

Kreuzungspunkt sprachlicher Energien

Am stärksten ist Anne Carson oft da, wo sie autobiografische Elemente mit literarischen Fundstücken kurzschließt, etwa im „Glass Essay“, einem Gedicht, das die Erfahrung des eigenen Verlassenwerdens mit den imaginierten Liebeswirren von Emily Brontës Roman „Stürmische Höhen“ illustriert. Das vordergründig Authentische kommt hier nur als etwas doppelt Nichtauthentisches zustande: Denn in Emily Brontës kurzes Leben verirrte sich wohl nie ein Mann.

Dabei will Anne Carson gar nichts bekennen, sondern sich eher als Kreuzungspunkt von sprachlichen Energien inszenieren. „Neutrum zu sein ist gut“, heißt es etwa in „Strophen, Sexus, Stimulanz“, einem Gedicht aus dem Zyklus „Erhabenes“: „Ich möchte bedeutungslose Beine haben. / Manche Sachen sind nicht zu ertragen. / Man kann ihnen lange aus dem Weg gehen. / Und dann stirbt man.“

Und wenige Zeilen später: „Ich möchte keine Person sein.“ Beim Berliner Poesiefestival kann man dem eigentümlichem Charisma dieser Nichtperson nun begegnen.

So, 7.6., 19.30 Uhr, poesiefestival.org. „Decreation“ und „Rot“ sind im S. Fischer Verlag erschienen, „Irdischer Durst“, „Albertine“ und „Anthropologie des Wassers“ liegen bei Matthes & Seitz vor.

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