Politisches Manifest : Für einen kapitalismuskritischen Feminismus

Feminismus für die 99 Prozent: Nancy Fraser, Cinzia Arruzza und Tithi Bhattacharya kritisieren den „liberalen“ Feminismus und fordern mehr Marx.

Hendrikje Schauer
Demonstrantinnen am Internationalen Frauentag in Chennai, Indien.
Demonstrantinnen am Internationalen Frauentag in Chennai, Indien.Foto: /R Gnanasasthaa/PTI/dpa/picture-alliance

In diesem Jahr werden hierzulande feministische Erfolge gefeiert: 100 Jahre Frauenwahlrecht, dazu 70 Jahre Grundgesetz. Denn in Artikel 3 ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau verankert, auch wenn ein Nachtrag eingesteht, dass es da noch einiges zu tun gibt. In anderen Ländern steht diese Gleichstellung noch in den Sternen. Zeit für neue Manifeste? Das findet ein internationales Autorinnentrio, das den „Feminismus für die 99 %“ fordert. Im englischen Original erschien der Aufruf zum Internationalen Weltfrauentag 2018 – und nicht zufällig im Marx-Jahr.

An den großen Bärtigen denkt selten, wer vom Feminismus redet. Falsch, finden die drei Verfasserinnen. Damit endet das Erfreuliche aber auch schon. Irreführend verweisen Text und Untertitel auf das „Kommunistische Manifest“. Interessanter ist es, die „Feuerbach-Thesen“ neben das Pamphlet zu legen: Nicht nur die 11 Thesen haben beide Texte gemeinsam. Sie richten sich auch gegen progressive Strömungen, die ihnen nicht radikal genug sind. Beide sehen das eigentliche Problem in Personen aus dem eigenen Nahbereich, die mit intellektuellen Kurzstreckenwaffen angegriffen werden.

Das neue „Manifest“ hat eine Vorgeschichte, die man mit dem „Woman’s March“ am 21. Januar 2017 beginnen lassen kann, am Tag nach Trumps Amtseinführung. Ein breites Bündnis ging gegen befürchtete Rückschritte auf die Straße. Gloria Steinem war genauso dabei wie Harry Belafonte. Aus dem Protest sollte ein Programm werden: Der „Feminismus für die 99 % Prozent“ – ein Aufruf zum internationalen Frauenstreik war geboren.

Eine Hymne auf den Streik

Geblieben sind drei der Unterzeichnerinnen: die Professorinnen Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya und Nancy Fraser. Geblieben ist die Hymne auf den Streik, den die feministische Bewegung gerade neu erfinde. Schärfer geworden ist nicht nur die Kritik am Kapitalismus, sondern auch die an einem Feminismus, den die Autorinnen abschätzig „liberal“ nennen. Der Preis ist hoch: Wer den Feminismus in Fraktionen zerlegt, verliert die Glaubwürdigkeit, die anvisierten 99 Prozent zu vertreten.

[Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya, Nancy Fraser: Feminismus für die 99 Prozent. Ein Manifest. Übersetzt von Max Henninger. Matthes & Seitz, Berlin 2019. 107 Seiten, 10,99 €.]

Schlimmer noch: Wenn „liberal“ nicht bloß als Hass-Post-it auf die Schreibtische von Managerinnen und Ministerinnen geklebt wird, sondern den Kern der demokratischen Freiheitsrechte meinen sollte, dann greifen die Autorinnen die Basis an, die ihre dogmatischen Ausflüge ermöglicht. Die harsche Kritik an Hillary Clinton oder Sheryl Sandberg, die mit dem Chauvinismus nicht gleich den Kapitalismus verabschieden wollen, vereint die drei Autorinnen mit den falschen Mehrheiten.

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