Premieren am HAU : Theater findet Stadt

Zwei der wichtigsten und renommiertesten Gruppen der Berliner freien Szene mit Premieren am HAU: Gob Squad zeigt „Creation“, Rimini Protokoll „Do’s & Don’ts“.

Stadt erleben in "Do's Dont's".
Stadt erleben in "Do's Dont's".Foto: André Wunsdorf

Es ist schon erstaunlich, was man auf einer Bühne alles darf. Vorausgesetzt natürlich, die Rolle verlangt es. Nackt sein, andere schlagen, Pipi machen, den Holocaust leugnen und vieles mehr. Die junge Darstellerin Dido Antonia Aquilanti klärt das Publikum anfangs über diese fast grenzenlosen Freiheiten auf, in einem Video, das auf die Seitenwand des Trucks projiziert wird. Ganz recht, ein Lastwagen – genauer: ein umgebauter Kühltransporter, in dem früher Schweinehälften kutschiert wurden – ist der rollende Zuschauerraum in der jüngsten Arbeit des Kollektivs Rimini Protokoll am HAU. Die heißt „Do's & Don'ts“ und lädt zu einer „Fahrt nach allen Regeln der Stadt“ ein, wie's im Untertitel so schön heißt.

Es geht um geschriebene und ungeschriebene Gesetze, um Verbote und Grauzonen, um Fehlverhalten und Konformität. Und nicht zuletzt um die Frage: Wer bestimmt eigentlich, woran wir uns zu halten haben? Während der Truck sich in Bewegung setzt, werden die Videowände hochgefahren. Man schaut nun durch eine verglaste, verspiegelte, von außen nicht einsehbare Seitenwand auf den fließenden Verkehr, die Passanten, das alltägliche urbane Treiben. Derweil unterhalten sich, per Lautsprecher nach innen übertragen, Dido Antonia Aquilanti und der Fahrer Rudolf „Rudi“ Bühne im Führerhaus über allerhand „Do's & Don'ts“. Rudi ist, was beispielsweise Verkehrsregeln betrifft, ein eher flexibler Kollege, der sich seiner „siebeneinhalb Punkte“ in Flensburg rühmt, alle wegen Geschwindigkeitsübertretung gesammelt. Das kann ja heiter werden.

Am HAU haben kurz nacheinander zwei der wichtigsten und renommiertesten Gruppen der Berliner freien Szene Premiere mit ihren neuen Arbeiten. Neben Rimini Protokoll bringt das deutsch- englische Kollektiv Gob Squad „Creation (Pictures for Dorian)“ zur Aufführung. Eine Arbeit, die auf der Folie von Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ das spannungsreiche Dreiecksverhältnis zwischen Schöpfer, Kunstwerk und Betrachter durchmessen will. Die Gruppe („Before Your Very Eyes“) hat sich dazu drei junge und drei alte Performerinnen und Performer eingeladen, die unter Anleitung von Berit Stumpf, Simon Will und Sarah Thom in immer neuen Arrangements zu Lebend-Tableaux von ganz eigener Schönheit gruppiert werden. Und die natürlich für die eigene Vergangenheit und Zukunft stehen.

Je länger der Abend dauert, desto stärker wird er

Ach, verflossene Jugend, oh, drohendes Welken! Die allesamt mittelalten Gob-Squad-Demiurgen rotieren dazu mit fahrbaren Bilderrahmen, zappen sich munter durch die Kunstgeschichte und betreiben überhaupt eine ausgesucht lustvolle Selbstbespiegelung.

Narzissmus, Künstlerdekadenz, Blumengebinde im Ikebana-Stil, all das sind Motive, die in „Creation“ anzitiert und wieder fallen gelassen werden. Je länger der Abend dauert, desto stärker wird er. Zu den besten Passagen zählen die Erinnerungen der Schauspielerin Susanne Scholl, die aus den Theatertagen ihrer Jugend mit ihren ganz eigenen Idealen von weiblicher Schönheit (und weiblichem Gehorsam) berichtet. Dazwischen allerdings gilt es auch einigen schöpferischen Leerlauf auszuhalten. „Is this your best work?“, ist das deine beste Arbeit, flimmert es immer wieder über den Videoscreen an der Rückwand des HAU 2. Nein, das kann man nicht behaupten.

Großstädtisches Regelgeflecht aus kindlicher Perspektive

„Do's & Don'ts“ dagegen zählt eindeutig zu den stärkeren Rimini-Protokoll-Inszenierungen der vergangenen Jahre. Der von Helgard Haug, Jörg Karrenbauer und Aljoscha Begrich ersonnene Trip durchs großstädtische Regelgeflecht führt, in behaupteter kindlicher Perspektive, an neuralgische Punkte des Zusammenlebens. Am Beispiel des Hermannplatzes wird über „kbOs“ reflektiert, kriminalitätsbelastete Orte also. Am Bahnhof Südkreuz stellen Dido und ihr später zusteigender Bruder Jasper (gespielt von Jasper Penz) das Pilotprojekt „Gesichtserkennung“ vor. Und auf der Fahrt durch eine schmucke Reihenhaussiedlung ereifert sich der Junge über das chinesische Bonitätsprinzip, nach dem in bestimmten Wohngegenden Punkte fürs Wohlverhalten vergeben werden.

Überhaupt ist dieser Jasper ein renitenter Bengel. Schule hält er für eine „kapitalistische Zwangsmaßnahme“ und das Tempelhofer Feld für „verregelt wie eine verdammte Shoppingmall“. Das alles ist toll inszeniert und verlinkt immer wieder die in der Familie beginnende Aushandlung von Geboten und Verboten mit dem weiten urbanen Raum, der sich in Zukunft mutmaßlich als „Smart City“ unter Konzernmanagement präsentieren wird. Vielleicht ist das Theater dann wirklich einer der letzten Orte, an denen die Benimmregeln außer Kraft gesetzt werden können.

„Do’s & Don’ts“ wieder am 11., 12., 14.–17., 22., 23., 26. sowie 28.–30. Mai.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!