Programm des Boulez Saals : Hirn an Ohr: Bitte mitdenken!

"Ort der Utopie" nennt Intendant Ole Baekhoej den Pierre Boulez Saal und sagt, was der in Zukunft vorhat.

Utopist. Ole Baekhoej, Intendant des Pierre Boulez Saals.
Utopist. Ole Baekhoej, Intendant des Pierre Boulez Saals.Foto: Peter Adamik

„Ein von Musik erfüllter Raum ist niemals leer.“ Poetischer als Ole Baekhoej hat keiner den Klassikfans in der Lockdownphase Trost zugesprochen. Wie viele andere auch hat der Intendant des Pierre Boulez Saals in den vergangenen Wochen Geisterkonzerte organisiert, die übers Internet mitzuerleben waren.

Auch ohne anwesendes Publikum vermag sich die Magie des Klangs hier zu entfalten – und trotzdem fiel es besonders schwer, den 2015 eröffneten, von Frank Gehry erdachten Konzertsaal an der Französischen Straße in Mitte zu meiden.

Nähe zu den Interpreten stimuliert die Konzentration des Publikums

Weil dessen Atmosphäre unvergleichlich ist, dank der mittigen Spielfläche und der im Oval angeordneten Sitzreihen, sie sich zur Bühne hin absenken. Das ermöglicht eine einmalige Nähe zu den Interpreten und stimuliert gleichzeitig die Konzentrationsfähigkeit der Besucher enorm.

Einen „Ort der Utopie“ nennt Ole Baekhoej seinen Arbeitsplatz. Weil er ebenso für Kammermusik geeignet ist wie für Jazz, arabische und persische Musik, Gesprächskonzerte, Performances und sogar sinfonische Programme.

Kein Wunder, dass der dänische Kulturmanager seinen Vertrag gerade bis 2025 verlängert hat. „Im Moment kann ich mir keine spannendere Aufgabe vorstellen, als gemeinsam mit Daniel Barenboim und meinem Team viele weitere Projekte für das denkende Ohr zu realisieren“, sagt er.

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Kreativ ist auch die Art, wie Baekhoej mit der Unsicherheit umgeht, die beim Blick auf die kommende Saison derzeit in der Kulturszene herrscht. Ständig gibt es neue Erkenntnisse zur Pandemie, immer wieder ändern sich Regeln und Vorschriften.

Statt einfach das vor Corona geplante Programm auf gut Glück in den Vorverkauf zu geben, wie viele andere Institutionen, hat der Boulez Saal (weitere Infos: www.boulezsaal.de) ein pragmatisches Wartelisten-System entwickelt: Wer sich für ein bestimmtes Konzert interessiert, kann sich auf der Website registrieren – und sobald feststeht, unter welchen Bedingungen und mit wie vielen Zuhörern der Abend tatsächlich stattfinden kann, erhält der potenzielle Kunde eine Mail. Die garantiert dann 24 Stunden lang ein Vorkaufsrecht für die entsprechenden Tickets.

Berühmte Interpreten, ungewöhnliche Werkzusammenstellungen

Berühmte Interpreten soll man im Boulez Saal auch in der Spielzeit 2020/21 wieder mit Werkzusammenstellungen erleben können, die sie in großen Sälen nie so anbieten würden. Weil sie zu anspruchsvoll sind oder zu intim. Da gibt es einen Abend für Flöte solo mit dem Berliner Philharmoniker Emmanuel Pahud, da gibt es reine Ligeti- oder Schönberg-Programme mit dem Boulez Ensemble oder auch alle 18 Messen des Renaissance-Meisters Josquin des Prez an vier Tagen, gesungen von den Tallis Scholars.

Ole Baekhoej traut sich was – weil er weiß, dass ihm mittlerweile sehr viele Menschen vertrauen. Und darum auch dann Eintrittskarten erwerben, wenn sie vielleicht gar nicht so genau wissen, was sie erwartet. Das Normale, Konventionelle soll eben die Ausnahme sein im Boulez Saal.

Also hat Baekhoej Abende mit Musik aus dem Nahen Osten organisiert, die ebenso gedacht sind für heimwehgeplagte Exilanten wie für Berliner mit weitem stilistischen Horizont. Er präsentiert Jazz in diversen Spielarten, eine Reihe mit dem Titel „Lied & Lyrik“ und ein interdisziplinäres Projekt, bei dem Brechts „Mutter Courage“ auf das „Hänsel und Gretel“-Märchen sowie einen Roman des libanesischen Schriftstellers Elias Khoury trifft.

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