Quartetto di Cremona im Konzerthaus : Kopfüber in die Gefühlsmeere

Das italienische Quartetto di Cremona wurde durch ihre Beethoven Einspielung berühmt. Jetzt beweisen sie, dass ihre Heimat mehr kann als großartige Opern.

Alexandra Ketterer
Back to the Roots. Das Quartetto di Cremona will in Zukunft mehr Werke von italienischen Komponisten spielen.
Back to the Roots. Das Quartetto di Cremona will in Zukunft mehr Werke von italienischen Komponisten spielen.Foto: Nikolaj Lund

Vielleicht wollen sie ihre Kräfte sparen: Das Quartetto di Cremona gibt sich zu Konzertbeginn noch zurückhaltend. Den „Langsamen Satz für Streichquartett“ erzählen sie fragil, man hängt ihnen an Lippen und Bögen. Bitte nicht aufhören! Anton Webern komponierte sein Stück in spätromantischer Tradition, noch bevor er sich wie sein Lehrer Schönberg der atonalen Musik zuwandte. Die Italiener lassen das Stück in seiner Süße atmen, werden dann aber immer nachdrücklicher. Dabei spielt Christiano Gualco die eindrucksvollen Höhen seiner Stradivari- Geige konzentriert heraus.

Gelöster sind die Musiker im folgenden „Streichquartett in D-Dur“ von Ottorino Respighi. Mit elegant-leidenschaftlichem Ton eröffnen sie das Allegro Moderato. Besonders der warme Celloton von Giovanni Scaglione breitet sich eindringlich im Kleinen Saal des Konzerthauses aus. Das Quartetto di Cremona scheint seinen Landesmann Respighi zu lieben. Und diese Liebe ist ansteckend. Sie nimmt das Publikum mit zu melancholischen Sorgenflügen und freudigen Salti.

Für seine Einspielung der gesamten Streichquartette Ludwig van Beethovens wurde das Quartetto di Cremona berühmt. Warum, wird ziemlich schnell klar. Der Abend gipfelt in Beethovens Opus 127 in Es-Dur. In diesem Gefühlsmeer strickt das Quartetto di Cremona musikalische Intrigen, droht, wütet und schwärmt, bevor es sich in stolzer Traurigkeit badet. Die Musiker sind großartig aufeinander abgestimmt. Die Klangelemente stoben aufgeladen in alle Richtungen und schmiegen sich im nächsten Moment wieder aneinander.

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Sie haben ihr jugendliches Fernweh hinter sich gelassen, sagt Christiano Gualco. Nachdem sie sich ausgiebig mit Giganten wie Beethoven und Haydn auseinandergesetzt haben, heißt es nun vermehrt: Back to the Roots. Zurück zur italienischen Musik. Ganz in diesem Sinne spielt das Quartetto di Cremona als Zugabe „Crisantemi“ von Giacomo Puccini. Das Stück trägt den Namen der plüschigen Blume, die nach italienischem Brauch das Leben eines Verstorbenen ehrt. Es ist ein tief-trauriger Satz für Streichquartett, den Puccini in kürzester Zeit nach dem Tod eines Freundes schrieb. Italiens Komponisten können mehr als großartige Opern. Stolz lüftet das Quartetto di Cremona die musikalischen Schätze ihrer Heimat.

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