Rafal Blechacz im Kammermusiksaal : Aus einem Guss

Mozart im Geiste Chopins: Der polnische Pianist Rafal Blechacz im Kammermusiksaal.

Entschieden natürlich. Der Pianist Rafal Blechacz, Jahrgang 1985.
Entschieden natürlich. Der Pianist Rafal Blechacz, Jahrgang 1985.Foto: Marco Borggreve/DG

Der Mittelweg kann königlich sein, und Rafal Blechacz ist ein Meister des Mittelwegs, vor allem bei Frédéric Chopin. Mit seiner luziden Klarheit, seiner Kunst, das Lyrische und Leidenschaftliche souverän zu verbinden und ebenso das Deklamatorische mit dem Atmosphärischen, gehört der polnische Pianist zu den Großen seines Fachs, seit er mit 20 auf dem Warschauer Chopin-Wettbewerb 2005 alle Preise abräumte. Inzwischen ist er 33 und hat diese Kunst noch verfeinert.

Zum Beispiel bei Chopins Polonaise op. 53. Da vermeidet er alles Donnernde, Stählerne und härtet die ostinaten Quart- Oktaven nur gerade so viel, dass sie ihre natürliche Autorität entfalten. Keine Gewalt: lieber abspringen als aufschlagen, lieber die Hände hinterher hoch fliegen lassen, als mit aller Kraft die Tasten niederzudrücken. Mozart, Beethoven, Schumann, Chopin: Bei seinem Recital im Kammermusiksaal verwandelt Rafal Blechacz die Werke einander an, Mozart erklingt im Geiste Chopins und umgekehrt. Manchmal wünschte man sich mehr Distinktion.

Es ist das leicht angezogene Tempo, dieses Spurenelement von Ungeduld, das den Abend wie aus einem Guss erscheinen lässt. Da erzählt einer was, und er weiß, was er sagt. Blechacz hat es nicht nötig, bedeutungsschwer innezuhalten, nach den Stücken springt er gleich auf. Go with the flow. Aber selbst Mozarts Parlando über Alberti-Bässen – in der a-Moll-Sonate KV 310 - driftet trotz weichem Legato nicht ins Ungefähre, denn der Pianist ergründet immer auch die Satzarchitekturen. Schon in Mozarts Rondo KV 511 schlägt er kurz den Takt mit, wenn die linke Hand nichts zu tun hat. Und sei es im Perpetuum mobile des Presto-Finales oder bei Schumanns Wahnsinnsläufen, dem „immer noch schneller“ von dessen g-Moll-Sonate Nr. 2 op. 22: Blechacz verankert noch die versponnensten Bögen mit winzigen Rubati und präzisierendem Nachdruck bei den Phrasenenden.

Als Zugabe ein Klassik-Schlager

Sein federnder Anschlag, besonders bei den Vier Mazurken op. 24. Der melancholische Touch, den er Chopin verleiht, ohne allzu sehr in der Tiefe zu schürfen. Seine Beredtheit, Behändigkeit, dazu die Lust an der Mechanik von Zentrifugalkräften und rotierenden Figuren: Die Freiheiten, die Rafal Blechacz sich nimmt, erwachsen aus der Disziplin. Auch wenn er bei seinem nuancierten Spiel mit Temperamenten und Temperaturen mehr vom Pedal Gebrauch macht als auf seinen bei der Deutschen Grammophon erschienenen Alben. So manche virtuos flirrende Passage verschwimmt, jedenfalls aus der Entfernung in Block D.

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Am wenigsten überzeugt sein Spiel bei Beethovens Klaviersonate A-Dur op. 101. Der Fugato-Teil des Schlusssatzes bleibt ohne Konturen, die Ungeduld wird zur Hast. Polyphonie ist an diesem Abend nicht Blechacz' Sache. Als Zugabe ein Klassik-Schlager, die Klavierversion von Bachs Choral „Jesus bleibet meine Freude“ mit den innig verspielten Triolen. Gut, dass Blechacz bis heute kein Konzert-Jetsetter ist, dass er sich Zeit nimmt, seine Arbeit am Repertoire zu vertiefen. Nur lauert hinter seiner Natürlichkeit die Gefahr des Gefälligen. Vielleicht steckt in seiner Ungeduld ja die Furcht vor der Routine.

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