Robert Striplings „Verpasste Hauptwerke“ : Ob Ohne ohne Ohne geht?

Vom Ulk zur philosophischen Einsicht: Robert Striplings Buch „Verpasste Hauptwerke“ sucht den tieferen Sinn der Absurdität.

Hendrik Jackson
Literarischer Scherzemacher. Autor Robert Stripling.
Literarischer Scherzemacher. Autor Robert Stripling.Foto: Michael Wagener

Humor in der höheren deutschen Literatur hat es schwer. „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ zu vereinen, gelingt nur selten so anerkannt wie in Christian Dietrich Grabbes gleichnamiger Komödie aus dem Jahr 1827. Bei Robert Striplings „Verpassten Hauptwerken“ lässt sich zumindest von tieferer Bedeutung zunächst kaum sprechen. Sein Buch versammelt Zitate nie erschienener, weil erfundener Werke – und das meist im absichtsvoll verunglückten Jargon von Fachsprachen. Auf den ersten Blick führt Stripling vor, dass es von der philosophischen Weisheit zum Mumpitz nur ein Schritt ist. So wird man dieses Buch vielleicht für eine Art studentischen Witz halten, und so wurde es bisher auch rezipiert. Stripling, 1989 in Berlin geboren und heute in Frankfurt am Main zu Hause, leistet dem durch parodistische PR-Begleitmanöver sogar selbst Vorschub. So erfand er nicht nur Kritiken zu seinem Buch, sondern auch irrwitzige Klageschreiben obskurer Anwälte wegen der Verletzung von Urheberrechten.

Dabei geht es ihm um die Umkehrung der Stoßrichtung: Vom Ulk zur tiefen philosophischen Einsicht ist es oft nur ein Schritt. Nicht heiliger Ernst ist die Basis, sondern eine grundlegende Absurdität, aus der sich von Zeit zu Zeit gewichtig dreinschauende Häupter erheben. Denn da es die Hauptwerke zu den Zitaten gar nicht gibt, müssen wenige Sätze alles sagen. Ein ganzer Reigen von Menschen, die der Menschheit nichts Wesentliches zu sagen haben, marschiert auf – im Kostüm derjenigen, die uns unentwegt mit Weisheiten beglücken. Je länger man Stripling liest, desto klassisch-tragischer mutet seine Komik an. Der doppelte Boden des Verfahrens zeigt sich in vielen Sinnsprüchen und kulminiert in diesem Hauptwerk: „*’Doch ob Ohne ohne Ohne geht? Ist das Weglassen seinem Wesen nach weniger? Oder gibt es ein Weglassen, das durch sein Eintreten erst ein Mit wird, dem das Hinzugeben näher erscheint als ein Ohne?’ *(Wolf Rahmsburg-Dortmunder, Befreiungstheologe und Sumoringer, in: *Oben ohne – Gottesbilder und Suma, *Gelsenkirchen, 1978)“. Im Gegensatz zu den drei erfundenen Dichtern aus Jan Wagners Lyrikband „Die Eulenhasser aus den Hallenhäusern“, deren Gedichte immer auf eine gewisse Meisterschaft zurückverweisen, dekonstruieren Striplings Hauptwerke jeden präpotenten Anspruch auf Bedeutsamkeit.

Robert Stripling (Hrsg.): Verpasste Hauptwerke. Mikrotext, Berlin 2018. 328 S., 21,99 €. Als E-Book 8,99€.

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