Rossini an der Deutschen Oper : Das Kurhotel bittet zum Tanz

Theaterglück mit musikalischen Höhepunkten: Rossinis „Il viaggio a Reims“ an der Deutschen Oper.

Hahn im Korb. Szene aus Jan Bosses Inszenierung von Rossinis „Viaggo a Reims“.
Hahn im Korb. Szene aus Jan Bosses Inszenierung von Rossinis „Viaggo a Reims“.Foto: Thomas Aurin

Einmal in der Saison gerät Berlin in einen wahren Operntaumel. Dann reihen die drei großen Häuser ihre Premieren zu drei tollen Tagen. Diesmal werden sie kurz vor dem Ende der Saison platziert, ganz so, als wollte man über die nahende Sommerpause hinweg in allerbester Erinnerung bleiben. Das Recht der ersten Nacht liegt diesmal bei der Deutschen Oper, die mit „Il viaggio a Reims“ einen selten gespielten Rossini auf die Bretter stellt. Es folgt die Komische Oper mit Schostakowitschs „Die Nase“ in der Londoner Erfolgsproduktion von Hausherr Barrie Kosky, bevor die Staatsoper mit einem herbstlichen „Macbeth“ – die alten Herren Placido Domingo, Daniel Barenboim und Harry Kupfer, betreut von Anna Netrebko – den Opernreigen beschließt. Eine klare Rollenverteilung, die der Deutschen Oper obendrein die Chance bietet, an ein eigenes Erfolgskapitel anzuschließen: Rossini war an der Bismarckstraße schon einmal Garant für gefeierte Opernabende, als Alberto Zedda erstmals 2003 bei „Semiramide“ den Taktstock übernahm.

Der charmante Maestro widmete sein langes Bühnenleben einem Komponisten, der im Vergleich zum gewichtig-geschwollenen romantischen Repertoire gerne als Luftnummer betrachtet wird. Dass Rossini ein Theatermusiker par excellence ist, der seine Interpreten zu kreativen Höchstleistungen anstachelt, ohne sie zu bevormunden, davon konnte Zedda auch in den folgenden Jahren viele Zuhörer überzeugen. Dafür brauchte es gar nicht immer eine gelungene Musiktheaterregie. Ein paar Türen, junge Sänger, ein nimmermüdes Orchester und ein Maestro, der seine Liebe teilt, großzügig und fordernd: Schon gab es hinreißendes Rossini-Theater, erschien das Leben als Opera buffo, wunderbar perlend und zugleich vergänglich wie der Schaum einer Flasche Champagner.

In „Il viaggio a Reims“ zeigt sich Rossinis Geist in unverhüllter Gestalt, vielleicht liegt darin auch der Grund, warum das Stück gründlich vergessen wurde und erst spät, nicht zuletzt durch Claudio Abbado, wiederentdeckt wurde. Was der Komponist anlässlich der Krönung von Karl X. in Töne setzte, ist als absurdes Theater von erstaunlicher Modernität: Eine Gruppe europäischer Adliger will nach Reims reisen, wo sich der König im vorrevolutionären Ritus pompös als allein von Gott eingesetzt inszenieren will. Doch sie kommen dort nie an, alle Pferde und Kutschen sind ausgebucht. Die Gesellschaft ist gestrandet und muss sich im Bade- und Kurhotel „Zur goldenen Lilie“ die Zeit vertreiben.

Nichts passiert, alles kommt ans Licht

Nichts passiert, aber alles kommt ans Licht: die nationalen Ressentiments und privaten Eifersüchteleien – und auch, dass das in diesem dynastischen Kreis im Grunde gar nicht zu trennen ist. Ein Umstand, der jeden aufgeklärten Menschen zu Spott reizt. Als die Nachricht eintrifft, nach der Krönung werde der neue König zu allerlei Festen im nahen Paris erwartet, ist die Gesellschaft begeistert. Bevor man sich aber auf den Weg dorthin machen will, wird noch ein Festmahl im Hotel ausgerichtet. Dort zeigen sich die Nationen artig vereint und verneigen sich vor Karl, eine Art übersteigerte Generalprobe von imaginierter Wichtigkeit.

Ob die verhinderten Reisenden jemals in Paris ankommen, bleibt offen. Karl jedenfalls erlebte dort tatsächlich 1825 die Uraufführung von Rossinis „Il viaggio a Reims“ – nach seiner Krönung. Fünf Jahre hielt sich der erzreaktionäre Herrscher danach noch auf dem Thron. Hätte er Rossini so sehen und hören können wie wir heute, wäre ihm klar gewesen, dass seine Zeit bereits abgelaufen war. Was für eine Vorlage für Regisseure, hier eine aktuelle Variante von „Murx den Europäer“ in Szene zu setzen, den lockeren Nummernreigen im Grandhotel dramaturgisch zu verdichten, das halb besoffene, halb ernüchterte Nationalspiel auf die Spitze zu treiben und damit der befreienden Lächerlichkeit preiszugeben.

Jan Bosse nutzt diese Chance nicht, obwohl ihm als Theatermann das Viaggio-Potenzial nicht entgangen sein dürfte. Seine Zurichtung an der Deutschen Oper verwandelt Rossinis Kurhotel reflexartig in eine Krankenstation für Kassenpatienten, wo jeder mal an den giftgrünen Tropf gelegt wird. Die Inszenierung erholt sich von dieser sinnfreien Radialtherapie nicht mehr recht, auch wenn unentwegt Metallbetten verschoben und Kisseninhalte herausgepult werden. Das Thema Europa ist Bosse nur eine kurze Unterhosenschau wert, am Ende müssen alle Sänger eine Art Brustpanzer mit Neonsymbolen tragen, nur um ein paar grelle Lichtpunkte zu setzen, wo sonst gedanklich alles im Dunkeln bleibt.

Die Stimmen - eine Freude

Zum Glück gibt es Rossinis Musik, die aus kleinsten Klangzellen und lebendigem Puls pures Theaterglück entstehen lässt. Mit Giacomo Sagripanti steht vor dem hochmotivierten Orchester der Deutschen Oper ein junger Dirigent, der um diese Elementarmagie weiß. Sein Rossini schwingt eleganter als der des seligen Maestro Zedda, dafür führt sein Brio auch weniger rigoros zum Taumel. Fluss und Balance stimmen zwischen Graben und Bühne, die Sängerinnen und Sänger können sich so weitgehend freisingen aus dem Spiegelkasten, in den sie Bühnenbildner Stéphane Laimé eingesperrt hat. Mit dem gemischten Ensemble aus Hauskräften und Gästen sucht die Deutsche Oper nicht nach den größten Namen, findet aber junge Interpreten, denen zuzuhören eine Freude ist.

Elena Tsallagova singt die vom Adel umschwärmte römische Dichterin Corinna mit unnahbarer Grandezza, während Hulkar Sabirova eine resolute Hotelbesitzerin mit fatalem Hang zum Wahnwitz gibt. Davide Luciano bereitet als ungläubig staunender Don Profundo in Strasspantoletten Italien im Chaos alle Ehre. Niemand singt hier unter Niveau, nach der Abnabelung vom störenden Regie-Tropf geht es noch heiterer weiter. Mikheil Kiria schließlich schleicht sich als schwermütig liebender Brite Lord Sidney mit Rossini-Statur in die Herzen der Zuhörer. Die machen beim Schlussapplaus deutlich, dass ihnen eine neue Rossini-Renaissance an der Deutschen Oper willkommen wäre. Das Berliner Opernwochenende hat seinen ersten Gewinner.

Weitere Vorstellungen am 22., 24. und 30. Juni sowie am 5. Juli

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