Rowohlt-Überraschung bei der Frankfurter Buchmesse : Babylon gab’s immer schon

1000 Seiten Porno aus dem Nachlass: Der Rowohlt Verlag stellt Rudolf Borchardts Roman "Weltpuff Berlin“ bei der Buchmesse vor.

Der Schriftsteller Rudolf Borchardt 1907 in Italien.
Der Schriftsteller Rudolf Borchardt 1907 in Italien.Foto: unbekannt/Wikipedia/Deutsches Literaturarchiv Marbach


Über die Querelen im Verlag kein Wort. Rowohlt hat offenbar Wichtigeres zu besprechen als die Kündigung seiner Verlegerin Barbara Laugwitz durch Jörg Pfuhl, den Buchverantwortlichen des Mutterunternehmens Holtzbrinck. Eine verfahrene Geschichte, die in den vergangenen Wochen zu öffentlichen Solidaritätserklärungen namhafter Autoren und Autorinnen führte, während hinter den Kulissen die Anwälte beider Seiten ihre nächsten Manöver vorbereiten.

So tritt am Mittwochabend als ranghöchster Rowohltianer Editor-at-Large Alexander Fest vor ein exklusives Publikum aus Literaturwissenschaftlern, Kritikern und Kollegen, der Mann, der einst selbst an der Spitze stand und Laugwitz zu seiner Nachfolgerin bestellt hatte. Ihr designierter Nachfolger Florian Illies hält derweil schon einmal lächelnd Hof im Frankfurter Hof; seine Amtszeit beginnt erst im Januar 2019.

Genau genommen geht es nicht nur um Wichtigeres, es geht um Grundstürzendes für die Geschichte der deutschen Literatur. Um geradezu Weltknochenmarkerschütterndes, dessen Folgen offenbar so wenig abzusehen sind, dass man sich auf der Einladungskarte scheute, Romanross und stürmischen Reiter zu nennen. Selbst in den Ohren eifriger Leser hätte der Name von Rudolf Borchardt (1877 - 1945) allerdings wohl wenig Resonanz gefunden: Als polyglotter Bildungstitan und zuweilen schwer aushaltbarer Manierist hat er einen Kreis glühender Verehrer um sich geschart, die sich in ihrer Beseeltheit nur mit den Anhängern von Stefan George oder Ernst Jünger vergleichen lassen.

Borchardt hielt seine erotischen Phantasmagorien unter Verschluss

Der Titel des Romans hat allerdings das Zeug, in die erotisch tauben Echoräume der deutschen Literatur mit einem Donnerhall einzutreten, der hält, was er verspricht. Die gut tausend Seiten von „Weltpuff Berlin“ sind nämlich nicht nur das saftigste Stück Pornografie, das sie kennt – es ist in dieser Radikalität auch das einzige. Von einem Marquis de Sade, einem Casanova, einem D.H. Lawrence oder einem Henry Miller konnte man hierzulande nur träumen. Die Geschichte der Wiener Dirne Josefine Mutzenbacher wird Felix Salten, zugleich Verfasser von „Bambi“, zugeschrieben, und den 2015 verstorbenen Gerhard Zwerenz hat nie einer ernstgenommen.

Dass sich mit Rudolf Borchardt ein Stilist aus den höchsten humanistischen Regionen in den Niederungen einer phantasmagorischen Sünde tummelte, war lange unbekannt. Borchardt hielt das, was er zwischen Oktober 1938 und Sommer 1939 zu Papier brachte, unter Verschluss. Würde es nach seinem letzten überlebenden Sohn Cornelius gehen, hätte es denn auch niemals aus dem im Marbacher Literaturarchiv aufbewahrten und neuerdings vollständig erfassten Nachlass herausgefunden.

Der Germanist Gerhard Schuster, von einem anderen Sohn 2011 gebeten, das lückenhaft überlieferte, abrupt abbrechende Manuskript zu ordnen, fertigte allerdings eine Kopie an, die er nun für den Druck in der ursprünglichen Sprachgestalt und Interpunktion transkribierte. Nachdem Borchardts Werk 2015, 70 Jahre nach seinem Tod, gemeinfrei wurde, können die Erben nur noch über das Originalmanuskript verfügen, nicht aber über dessen Inhalt.

Der Held, ein Student, schläft sich durch die Betten Berlins

Der Titel fand sich in einem programmatischen Satz: „Ja ja mein Sohn, und nun denke wieviele es heimlich für Geld thun, wieviele Du einfach ansprechen und mitnehmen kannst, wieviele es aus bloßer Liebe und aus Geilheit thun, dann haste ne Ahnung von Berlin, wie es weint und lacht. Rede mal mit Ausländern. Für die ist Berlin der Weltpuff, na Deutschland überhaupt. Paris nischt mehr dagegen, ganz abgekommen.“ Der Held des Ganzen ist ein 24-jähriger Student der Altphilologie im zwölften Semester. Von seinem Vater wird er im Herbst 1901 aus Göttingen nach Berlin einbestellt und im Elternhaus zunächst buchstäblich eingesperrt. Er weiß sich aber zu befreien und schläft sich bis zum ersten Schnee im Dezember durch die Betten der Stadt.

Mit seinem „Donnerkeil“ beglückt er in manchen Nächten fünf bis sechs Frauen: liebeswütige Professionelle, die bereitwillig küssen, und durchtriebene Amateurinnen aus allen Schichten, vom Dienstmädchen bis zur Adligen.

Das Cover des bei Rowohlt erschienenen erotischen Wälzers von Borchardt (Ausschnitt)
Das Cover des bei Rowohlt erschienenen erotischen Wälzers von Borchardt (Ausschnitt)Foto: Rowohlt

Wenn Borchardt bei alledem, wie Heribert Tenschert, der Herausgeber der Sämtlichen Werke, im Gespräch mit Ijoma Mangold betont, eine ungewöhnliche soziologische Genauigkeit für die wilhelminische Epoche beweist, so gilt seine wahre Aufmerksamkeit doch dem sexuellen Detail. Der Glanz seiner Satzperioden konkurriert immer wieder mit glitschigen Land- und Meeresmetaphern, die Abwechslung im Immergleichen schaffen sollen. Ob es sich nun aber um Literatur mit Erkenntnisgewinn handelt oder bloße Pornografie – es ist in jeder Hinsicht aus der Zeit gefallen. Schon dass der Held seitenweise auf Französisch, Englisch und Griechisch parliert, schafft einen Moment der Irritation.

Ist das mehr als ein Kuriosum? Zu früh, das jetzt zu entscheiden

Nur eine sorgfältige Lektüre kann entscheiden, ob unter der historischen Firnis dieses Kuriosums etwas liegt, an das sich heute noch anknüpfen lässt. Gibt es womöglich ein reicheres Frauenbild, als es das Genre nahelegt? Oder hat eine derartige Form der sprachlichen Imagination irgendeinen Vorzug gegenüber YouPorn-Videos? Es ist zu früh, darüber jetzt den Stab zu brechen. Fest steht, dass mit dieser kommentierten Ausgabe in zwei Bänden und der Leseausgabe ein rekordverdächtiger Fall von Maulhurerei vorliegt. In ökonomisch bitteren Zeiten suchte der als "Halbjude" verfolgte Borchardt in seinem italienischen Exil Zuflucht in Fantasien, die er nie gelebt hatte und als 60-Jähriger nicht mehr leben würde. So funktioniert zwar Literatur. So funktioniert aber auch Schizophrenie.

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