"Salome" in Salzburg : Die Bilder hör ich wohl

Kunstreligiös: Romeo Castellucci verweigert der „Salome“ von Richard Strauss bei den Salzburger Festspielen den Kopf des Jochanaan.

Eine ungeheure Kraft von innen. Asmik Grigorian in der Titelrolle der Salome.
Eine ungeheure Kraft von innen. Asmik Grigorian in der Titelrolle der Salome.Foto: Ruth Walz

Zwei Szenen haben Richard Strauss’ „Salome“ zu Weltruhm verholfen: Zum einen der „Tanz der sieben Schleier“, in dem die Titelheldin alle Hüllen fallen lässt, um dem geilen König Herodes die Erfüllung eines perversen Wunsches abzupressen – nämlich die Enthauptung von Johannes dem Täufer. Zum anderen das monologische Liebesduett Salomes mit dem abgeschlagenen Kopf des Jesusjüngers, den sie sich in einer Silberschüssel servieren lässt, um ihn schließlich in nekrophiler Ekstase auf die Lippen zu küssen.

Beide Szenen verweigert Romeo Castellucci jetzt bewusst dem Publikum in seiner Salzburger Neuinszenierung der 1905 uraufgeführten Oper nach dem Drama von Oscar Wilde. Castellucci ist in erster Linie bildender Künstler und Theatertheoretiker. Wenn er Stücke auf die Bühne bringt, will er deren Inhalt nicht linear nacherzählen. Das hält er für naiv. In Personalunion als Regisseur, Ausstatter und Lichtdesigner sucht er jeweils nach einem weiter gefassten, frei assoziativen Zugriff auf die Stoffe, definiert das Gesamtkunstwerk Musiktheater letztlich als eine besonders bildgewaltige Ausdrucksform der plastischen Kunst.

Auch für die Salzburger Felsenreitschule hat er jetzt eine begehbare Skulptur entworfen. Optisch setzt er dabei eine weitere Negation, indem er die charakteristischen Arkadenreihen der 1693 in einem ehemaligen Steinbruch geschaffenen barocken Anlage verschließen lässt. Die Öffnungen sind dabei so kaschiert, dass eine einheitliche Wand entsteht, die erschreckend steil vor dem Zuschauerauge aufragt. Gegen diese hermetische Vertikale setzt er einen spiegelnden Bühnenboden, der aus purem Messing zu bestehen scheint. Dieser luxuriöse Belag ist sein einziges Zugeständnis an das byzantinische Ambiente des Stückes, dessen handwerkliche Ausführung sich Oscar Wilde einst so luxuriös, so opulent wie nur möglich imaginierte.

Plastiksäcke mit zerstückelten Tieren

Die geometrische Symbolform, mit der Castellucci diesmal arbeitet, ist der Kreis: Er ist als Mondscheibe präsent, die Zisterne, in der Jochanaan gefangen gehalten wird, ist ein abgezirkeltes Loch, rund um den Thron des Herodes finden sich weitere Kreiselemente, die sich herausheben und als elegante Installation arrangieren lassen. Als Kontrastmittel zu den glatten Oberflächen verwendet Castellucci transparente Plastiksäcke, in denen menschliche Leichen oder zerstückelte Tiere hereingeschleift werden, außerdem altertümliche Stehlampen, einen Sattel sowie Messgeräte aus dem Straßenbau. Statt Blut wird reichlich Milch verschüttet. Durch dieses Setting lässt der Regisseur seine Darsteller hoheitsvoll schreiten. Die Nebenfiguren lassen sich mit ihren schwarzen Mänteln und Hüten sowie ihren in der unteren Hälfte rot geschminkten Gesichtern kaum voneinander unterscheiden. So entsteht ein rituelles, kunstreligiöses Spiel, das durch den Dirigenten Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker aktiv unterstützt wird.

Welser-Möst ist ein Meister des emotionslosen Musizierens, seine Herangehensweise erinnert an die Industriefotografie von Bernd und Hilla Becher. Wie das Fotografenpaar scheint auch der Dirigent ausschließlich in Schwarz-Weiß zu arbeiten, denn sein Klang hat zwar Tiefenschärfe, Perspektive, Hell-Dunkel-Kontraste und fein abschattierte Grautöne – aber eben keine Atmosphäre, keine Farbe. Was bei einer der schillerndsten, polychromsten, erotischsten Partituren der Musikgeschichte ein brutaler Eingriff ist, der mindestens so tiefgreifend den Charakter des Stücks verändert wie Castelluccis szenischer Zugriff.

Totalverausgabung vom Zischen bis zum Schrei

Insofern zeugt es von grausamer Konsequenz, wenn der Salzburger Festspielintendant Markus Hinterhäuser für dieses „Salome“-Experiment gerade diese beiden Künstler zusammengebracht hat. Indem er sich allerdings zugleich für Asmik Grigorian als Interpretin der Titelrolle entschied, nahm er eine partielle Zerstörung dieses Versuchsaufbaus in Kauf. Denn die litauische Sopranistin lässt sich nicht in ein interpretatorisches Korsett zwängen. Sie will, sie muss sich der Salome ganz hingeben, schonungslos, auch sich selbst gegenüber. Wie sie sich verausgabt, sämtliche vokalen Entäußerungsformen durchmisst, vom schlangenhaften Zischen bis zum hässlichen Schrei, das macht aus Castelluccis Kunstfigur dann doch wieder eine sehr lebendige, leidenschaftliche Frau.

Asmik Grigorians Stimme ist von Natur aus eher herb, fast weißlich, aber sie kann aus dem Inneren heraus eine Kraft entfesseln, die den Zuhörer umhaut. Eine Kraft, die sich genauso energetisch in den leisen Passagen manifestiert, wenn sie Jochanaan zu verführen versucht, wie im gleißenden Fortissimo, mit dem sie schlussendlich ihr Recht auf dessen Enthauptung einfordert. Gabor Bretz’ salbungsvoll predigender Jochanaan, John Daszaks geifernder Herodes, der belcantistische Narraboth von Julian Prégardien und auch die herrische Herodias von Anna Maria Chiuri werden neben dieser Salome zu reinen Stichwortgebern.

Ein Körper wie aus dem Plastinatenkabinett

Und hinterrücks erobert sich Asmik Grigorian sogar ihre beiden von Romeo Castellucci gestrichenen Schlüsselszenen zurück: Den getanzten Orgasmus genießt sie ganz für sich alleine, ohne Zuschauer, bereits in der Mitte des Stücks. Nachdem Jochanaan sie als „Tochter Sodoms“ verflucht hat und zurück in sein Verlies gestiegen ist, lässt sie sich auf den Rücken fallen, vollführt mit den in die Luft gestreckten Beinen ein Ballett der Wollust. Da mag sie dann später beim eigentlichen Schleiertanz ruhig wie ein Embryo zusammengekauert auf einem Opferblock verharren, während sich von oben ein Steinquader auf die herabsenkt und sie zu zermahlen scheint– das bleibt ein hohler Effekt nach Grigorians vorangegangener Onaniechoreografie. Und selbst mit dem toten Torso des Täufers, den ihr der Regisseur für das Finale statt des blutenden Hauptes zur Verfügung stellt, vermag die Sängerin ihr Liebesspiel zu treiben, als wäre es das Originalrequisit. Was sogar noch perverser wirkt, weil der kopflose Körper aussieht wie aus dem Plastinatenkabinett eines Gunther von Hagens entliehen.

Ein merkwürdiger Zwitter ist da also zu erleben in der Salzburger Felsenreitschule, eine Installation, deren so sorgfältig versiegelte, überästhetisierte Oberfläche von einer grandiosen Protagonistin aufgebrochen, mit Gefühl geflutet wird. Weil wir in der Oper sind, muss Romeo Castellucci diesen Abend dennoch „Salome“ nennen. Wäre es ein Werk der Malerei, er könnte einen Ausweg wählen, der zu seiner Grundüberzeugung passt, dass bei einem idealen Kunstwerk der Betrachter ganz auf sich selber zurückgeworfen wird, und einfach neben das Artefakt schreiben: „Ohne Titel“.

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3sat zeigt am 11. August ab 20.15 Uhr eine Aufzeichnung der „Salome“.

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