Schauspieler Ignaz Kirchner gestorben : Der introvertierte Star

Einige der tollsten Theaterabende der letzten 40 Jahre hätte es ohne ihn nicht gegeben: zum Tod des Schauspielers Ignaz Kirchner.

Ignaz Kirchner als "Anton der Zweite" in einer "Torquato Tasso"-Inszenierung des Burgtheaters.
Ignaz Kirchner als "Anton der Zweite" in einer "Torquato Tasso"-Inszenierung des Burgtheaters.Foto: dpa

Obwohl sie eher mit ihren großdramatischen und auch tragischen Rollen berühmt wurden, waren sie beide im Herzen vor allem Komödianten. Ihre eigentlichen Vorbilder seien die Stummfilmkomiker Stan Laurel und Oliver Hardy, sagten Gert Voss und Ignaz Kirchner mir einmal in einem Gespräch. Und nun ist der Burgschauspieler Ignaz Kirchner in Wien mit nur 72 Jahren gestorben. Im genau gleichen Alter wie vor vier Jahren sein langjähriger Partner und Freund Gert Voss.

Kongenial mit Gert Voss

Im Vergleich mit dem gedrungenen, introvertierteren Kirchner war Voss der expressivere und gewiss virtuosere Star. Aber einige der tollsten Theaterabende der letzten vier Jahrzehnte wären ohne das kongeniale Zusammenspiel beider Charaktere, von Voss und Kirchner, so nicht möglich gewesen. Zusammengekommen waren sie schon in den siebziger Jahren in Stuttgart, später folgten sie ihrem Intendanten Claus Peymann dann auch nach Bochum und Wien.

Doch vor allem in Wien, ab Ende der achtziger Jahre war es George Tabori, der das Duo Voss & Kirchner unvergesslich inszeniert hat. In Taboris berühmtem „Othello“ von 1990 im Akademietheater der Wiener Burg sollte erst Kirchner die Titelrolle spielen. Aber Tabori spürte, dass der aggressive Intrigant Jago als Othellos Gegenspieler Ignaz Kirchner besser aus seiner gelegentlich von Schwermut und Selbstzweifeln gezeichneten Reserve locken würde, und er drehte die Paarung. Voss wurde Othello, dessen äußere Dominanz von Kirchner/Jagos scheinbar unterwürfigem Schmäh zerrieben wurde.

Bejubelt beim Theatertreffen

Eben diese Hintergründigkeit prägte auch die Voss-Kirchner-Paarungen in Taboris „Goldberg-Variationen“ oder Becketts „Fin de partie“, beide beim Berliner Theatertreffen bejubelt. Voss der Herr (auch Herrgott), Kirchner der dienend aufbegehrende Mensch in seiner zum Tränenlachen rührenden Menschenjammerwürde. Seinerseits umgedreht hatte Peter Zadek das Paar, als Kirchner die Titelrolle und Voss den Shylock in seinem Wiener „Kaufmann von Venedig“ gaben. Und ganz die komische Sau, ein edles Theatertier, ließen die beiden raus in ihrer eigenen grandiosen Inszenierung von Neil Simons „Sunny-Boys“.

Ignaz Kirchner kam aus Wuppertal, der Geburtsstadt auch der spintisierenden Geister, der Sekten und der irisierenden Poetin Else Lasker-Schüler. Davon steckte etwas in ihm, der das Kauzige und das Komische, die manchmal jäh ausbrechende Emotionalität mit einem grübelnden, belesenen Geisteskopf verband. Fast anderthalb Jahrzehnte tournierte und brillierte Kirchner zwischen Wien, Berlin und Hamburg mit seinem Solo „Rede an den kleinen Mann“, einem gegenüber alten und neuen Faschismen hellsichtigen Text des Psychoanalytikers Wilhelm Reich.

Nach der Wende wirkte Kirchner auch einige Jahre bei Thomas Langhoff im Deutschen Theater Berlin – und den unheimlich witzigsten Grenzverkehr mit der DDR, jeweils Lubitsch-reife Filmszenen, hat Ignaz Kirchner einst in Leander Haußmanns „Sonnenallee“ gespielt. Unvergesslich. Peter von Becker

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