• Schule als Raum der Begegnung: Wie Architekten ein Steglitzer Gymnasium revolutionieren

Schule als Raum der Begegnung : Wie Architekten ein Steglitzer Gymnasium revolutionieren

Vom Brandschutz bis zu den Klassenzimmern: Das Architekturbüro TSSB hat aus dem Südflügel des Lankwitzer Beethoven-Gymnasiums einen ganz besonderen Ort gemacht.

Expressionismus trifft auf Pop-Art. Die Schulflure im Gymnasium sollen zum Verweilen einladen.
Expressionismus trifft auf Pop-Art. Die Schulflure im Gymnasium sollen zum Verweilen einladen.Foto: TSSB

Auf den ersten Blick sieht es wie eine noble Geste des Bezirksamts Steglitz-Zehlendorf aus: Passend zum 250. Geburtstag des Komponisten ist im Lankwitzer Beethoven-Gymnasium die Sanierung des Südflügels fertig geworden.

Zum Start ins neue Schuljahr können die Jugendlichen ihre runderneuerten und architektonisch aufgewerteten Fach- und Klassenräume in Besitz nehmen. Doch natürlich liegt die Sache komplizierter. Verzögerungen, Kostenexplosionen, Bürokratiewirrwarr – das ganze berlintypische Paket hat auch dieses Projekt zu bieten. Wie das eben so üblich ist beim „Bauen im Bestand“.

Der Teilerfolg allerdings, den die Oberschule zusammen mit dem Büro „TSSB Architekten/Ingenieure“ jetzt erreicht hat, ist schlicht spektakulär. Weil hier nicht der Weg des geringsten Widerstandes gewählt wurde. Statt eine Gebäudeertüchtigung nach den üblichen Normen durchzuziehen, haben die Architekten die Perspektive der Nutzer eingenommen, also der Schülerinnen und Schüler sowie ihrer Lehrer.

Ihr Frage lautete: Was ist wichtig, damit sich jene wohlfühlen, die einen Großteil ihres Alltags hier verbringen?

Nachdem die Antworten gefunden waren, ging das beharrliche Ringen mit den zuständigen Behörden los, weil deren Vorschriftenkataloge eigentlich keine anspruchsvolle Ästhetik in öffentlichen Gebäuden zulassen.

Beharrlichkeit zahlt sich aus

Das fängt beim Brandschutz an, dem jede Oberfläche, jede Unterkonstruktion Genüge tun muss, setzt sich in den spezifischen Vorgaben für die Helligkeitsgrade der Beleuchtung fort und kulminiert in der „Amok-Beschilderung“, einem Leitsystem, das im Notfall sichere Wege zu den Ausgängen weisen soll.

Doch wer beharrlich ist, kann Kompromisse erzielen, sogar kleine Siege erringen. Und so wirkt in dem ursprünglich 1978 eröffneten Südflügel des Beethoven-Gymnasiums jetzt alles angenehm unprätentiös, fast improvisiert – und doch ist jedes Detail klug durchdacht.

Da sind zum Beispiel die Flure und Treppenhäuser. Bisher war es üblich, dass sich die Schülerinnen und Schüler hier notgedrungen auf den Boden oder auf die Stufen hockten, wenn sie zusammen quatschen oder in letzter Sekunde Hausaufgaben erledigen wollten. Jetzt stehen ihnen dafür maßgeschneiderte Sitzmöglichkeiten zu Verfügung.

Zum Beispiel das „skulpturale Sofa“ im Erdgeschoss, eine knallrote, vieleckige Konstruktion, die es mehreren Grüppchen gleichzeitig ermöglicht, sich auf unterschiedlichen Ebenen niederzulassen. Indirektes Licht sorgt für eine angenehme Atmosphäre, die Akustik wurde so angepasst, dass sich alle verstehen können, selbst wenn viele parallel plaudern.

Die Klassenzimmer bieten ein ganz neues Raumerlebnis

Noch raffinierter sind die fest eingebauten Tische und Bänke im ersten Obergeschoss. Wie aus einem expressionistischen Stummfilm wirken die Sitzgruppen: zackig, kantig, mit windschiefen Winkeln – nur eben nicht in Schwarzweiß, sondern in leuchtendem Gelb.

Aus breiten, zugigen Durchgängen wurden echte Begegnungsstätten für die Schülerinnen und Schüler. Ein ganz neues Raumerlebnis bieten auch die Klassenzimmer. Die Architekten von TSSB wollten hier mehr schaffen als neutrale Lernorte.

Das Farbkonzept der Flure setzt sich fort und wird kombiniert mit einer menschenfreundlichen Lichtregie: Es gibt Lamellenjalousien, die auf unterschiedliche Winkel der Sonneneinstrahlung reagieren können, statt kalter Neonröhren sorgen LED-Spots für eine angenehme Beleuchtung.

In einem solchen Ambiente lernt es sich nicht nur leichter, man darf auch darauf hoffen, dass die jugendlichen Nutzer ihre Umgebung wertzuschätzen wissen, pfleglicher mit der Substanz umgehen. Wer ansprechend designte Toilettenräume betritt, verlässt sie auch so, wie er sie gerne vorfinden möchte.

Die Nutzer wurden von Anfang an eingebunden

Blau schließlich ist die Farbe in der obersten Etage, wo die Fachräume für Naturwissenschaften untergebracht sind. Sie haben nicht nur moderne Whiteboards anstelle der traditionellen Tafeln, hier ist auch zu sehen, wie „forschendes Lernen“ funktioniert: Von der Decke hängen „Medienschienen“, die Experimente ermöglichen sowie alle Plätze mit Computeranschlüssen versorgen. Und in den Fluren gibt es Vitrinen, in denen Exponate ausgestellt und Schülerprojekte präsentiert werden können.

Bei allen Planungen haben die Architekten die Nutzer von Anfang an mit eingebunden, die Wünsche der Lehrenden wie der Lernenden wurden berücksichtigt. Für die schallabsorbierenden Flächen in der Cafeteria haben Schülerinnen und Schüler Fotomotive beigesteuert, der Vorraum vor der Aula soll künftig als Foyer genutzt werden können – was selbstverständlich klingt, im real existierenden Bürokratismus aber ein komplexes Genehmigungsverfahren bei diversen Behörden nötig macht, damit die aktuelle Verkehrs- in eine Aufenthaltsfläche umgewidmet werden kann.

Und das dicke Ende der Sanierung kommt ja erst noch. Die zweite Bauphase, in der die mehr als 100 Jahre alten Gebäudeteile des Gymnasiums denkmalgerecht wieder hergestellt werden sollen, musste europaweit ausgeschrieben werden. Weil die Kosten enorm gestiegen sind seit der ersten Prognose.

2015 ging man noch von acht Millionen Euro aus, mittlerweile wird mit insgesamt 34 Millionen Euro kalkuliert. Um es mit Beethoven zu sagen: „Denn was nicht zu ändern ist, darüber kann man sich nicht zanken.“

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