"Siegfried" von Jörg Schröder : Deutschlands unverschämtester Verleger

Neuausgabe: In „Siegfried“ erzählt der Gründer des März Verlags Jörg Schröder dem Schriftsteller Ernst Herhaus sein Leben.

Jörg S ermeier
Klassische März-Optik: Die Neuauflage von "Siegfried", erschienen bei Schöffling & Co.
Klassische März-Optik: Die Neuauflage von "Siegfried", erschienen bei Schöffling & Co.Foto: Schöffling & Co

Zunächst muss der Autor dieser Zeilen einräumen – er ist mehr als befangen, wenn es um Jörg Schröder und Barbara Kalender geht. Die beiden Verleger des März Verlags sind seine Vorbilder. In seinem eigenen Verlag, dem Verbrecher Verlag, hat er 2013 zudem den Band „Kriemhilds Lache“ mit ihren „Erzählungen aus dem Leben“ veröffentlicht. Zu allem Überfluss ist er mit ihnen befreundet. Erst vor wenigen Tagen saß er mit dem Paar noch trinkend in einem Hamburger Hotelzimmer – bis zum Morgengrauen.

Doch auch für jeden anderen, der in ihre Nähe gerät, ist es schwer, sich dem Charme Schröders und dem Witz Kalenders zu entziehen. Beide leben von dem Mythos, den sie verkörpern. Jörg Schröder, am 24. Oktober 1938 in Berlin geboren, ging nach dem Krieg mit seiner Mutter Erika und seinem Stiefvater Siegfried, einem verkrachten Musiklehrer, über die „grüne Grenze“. Sie gelangten nach Rinteln im Weserbergland, von dort aus sollte es nach Amerika gehen. Stattdessen verschlug es sie nach Bonn, Düsseldorf, Köln, später nach Hessen, dort stieß 1980 Barbara Kalender hinzu, bald erfolgte der Umzug an den Vogelsberg, darauf folgte Bayern und im Jahr 2005 schließlich der Umzug nach Berlin. Aber zur Ruhe gesetzt haben sie sich beide nicht. Das liegt nicht in ihrem Wesen.

Der mündliche Charakter bleibt im Fließtext vorhanden

Schröder kommt aus einfachen Verhältnissen. Er lernte Buchhändler, arbeitete bei Kiepenheuer & Witsch, wirkte dort als genialischer Werber, doch lieber wollte er Lektor sein. Bald ging er zum Melzer Verlag, dort bot sich ihm die Chance, einen niedergehenden Verlag zu retten. Er ergriff sie. Der auf Judaica spezialisierte Verlag wurde von Schröder umgekrempelt, zunächst verkaufte er mit Penetranz das Verlagslager leer, dann publizierte er 1967 den Roman „Die Geschichte der O.“, und Verleger Melzer verstand nicht, dass seine rechte Hand erstmals in Deutschland „galante Literatur“ als die Pornos verkaufte, die sie waren. Schröder ahnte damals, dass das Pornografieverbot bald infolge der 68er-Proteste fallen würde und riskierte alles. Den Melzer Verlag sanierte es, doch man drohte Schröder mit Entlassung, wenn er keine Besserung gelobe.

Er dachte nicht daran, sich zu beugen nahm die Belegschaft mit und gründete den März Verlag. Und erfand für den Titel „Roter Stern über China“ das charakteristische März-Gewand – ein knallgelbes Buch mit schreiend roter Beschriftung, die Typo wuchtig, der Verlagsname riesig. Auch den edel-schmuddeligen Auftritt der Olympia-Press, einem Parallelverlag, in dem pornografische Bücher und Filme erschienen, verantwortete Schröder. Zugleich eröffnete er von dem vielen Geld, dass er bald einnahm, eine weitere Firma, Bismarc Media, ein Business-Kunstwerk: Die Firma hatte Angestellte und ein Büro, tätigte aber kein einziges Geschäft. Damals wie heute kannte Schröder alles und jeden, und das zeigte sich in seinem autobiografischen Buch „Siegfried“, benannt nach dem Stiefvater. Es war das Buch, das den Mythos Schröder begründen sollte. Schröder erzählte dem Schriftsteller Ernst Herhaus sein Leben, dieser tippte die Erzählung ab. Dem Mut Schröders und dem stilistischen Geschick von Herhaus ist es zu verdanken, dass der mündliche Charakter im Fließtext erhalten blieb. Schröder springt in seiner Erzählung, kann sich mal an den Namen einer Frau erinnern, dann wieder nicht, und die Geschichte entwickelt einen eigentümlichen Sog.

Auch die Neuausgabe des „Siegfried“ hat geschwärzte Passagen

Wie Schröder über Melzer schimpft und ihn lächerlich macht, um sich gleich darauf deswegen anzuklagen oder jemand dritten, das bringt eine Art höhere Gerechtigkeit hervor. Der 34-Jährige, der hier erzählt, und zwischen genauer Analyse und Küchenpsychologie schwankt, wird so im besten Sinne zum Chronisten. Sein Werk nämlich ist zunächst Zeitdokument, erst bei längerer Lektüre erweist sich das literarische Raffinement hinter dem Dahergeschnodderten. Selbstredend wurde das offenherzige Werk mit Klagen überschüttet, und auch die Neuausgabe des „Siegfried“ hat weiterhin geschwärzte Passagen. Dafür glänzt sie mit einer rund 170 illustrierte Seiten umfassenden Chronik, die Barbara Kalender beigesteuert hat.

Sie berichtet auch von den Herzinfarkten, die der bis heute vitale Verleger überlebt hat. Erstaunlich auch, wie viele Pleiten er überstand und dennoch weitermachen konnte. Bis zu diesem Jahr veröffentlichten die beiden die Reihe „Schröder erzählt“, Noch immer laden sie zu Treffen der „März-Gesellschaft“ in ihren Salon und bringen die alten Bücher noch einmal mal heraus. Es gibt wohl kaum weitere Erzählungen aus dem Leben, die von Henryk M. Broder, Karl Heinz Bohrer oder Diedrich Diederichsen gleichermaßen geschätzt werden. „Wir leben vom Mythos und nicht von der Stückzahl“, hat Schröder einmal gesagt. Das ist ein wirklich reiches Leben.

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