Simon Rattle dirigiert Philharmoniker : In der größten Niedrigkeit

Erstes Dirigat nach dem Ende seiner Amtszeit als Philharmoniker-Chef: Simon Rattle dirigiert Bachs Johannes-Passion.

Wieder in Berlin: Sir Simon Rattle
Wieder in Berlin: Sir Simon RattleFoto: DPA/Tim Brakemeier

So geht es oft, wenn sich etwas als persönlich und wichtig präsentiert: Der Zuschauer begegnet in Bachs Johannes-Passion, wie sie Peter Sellars und Simon Rattle in der Philharmonie deuten, zunächst den eigenen Abwehrreflexen. Ist es nicht unbeholfen bis peinlich, wie sich die Sängerinnen und Sänger des Rundfunkchors Berlin „in der größten Niedrigkeit“ aufs Bühnenparkett legen und, die Hände deckenwärts gereckt, vom Ruhm des Gottessohnes singen? Möchte man nicht lieber beiseiteschauen, wenn Magdalena Kozena den gefesselten Heiland befummelt, während sie davon singt, endlich ihre Lasterbeulen loszuwerden?

Dass man sich aber angefasst fühlt, darin liegt die besondere Qualität von Sellars’ „Ritualisierung“ der Passionsschilderung, die nach ihrer Premiere 2014 nun für drei Aufführungen zurückkehrt in den Scharoun-Bau. Zugleich ist es das erste Dirigat von Rattle nach dem Ende seiner Amtszeit als Philharmoniker-Chef, jubelnd wird er vom Publikum empfangen. Schon in den ersten Takten lebt sein Gespür fürs Musikdrama auf im innigen Schmerz, den die weit voneinander entfernt positionierten Flöten und Oboen über die gesamte Breite des Podiums tragen, den Chor umspannend, alle Harmonie aufzehrend.

Ein Abend der unbehaglichen Fragen

Sellars’ Figurenzeichnung ist in ihrer Stille schonungslos, seine Passion von unerhörter Finsternis. Wie erschütternd wirkt die Verzweiflung des getreuen Petrus über seinen Verrat, wie von wissender Furcht durchzuckt der widerstrebende Pontius Pilatus. Georg Nigl, für den erkrankten Christian Gerhaher eingesprungen, leiht beiden unbedingten Ausdruck. Der Tenor Andrew Staples, bei Sellars gepeinigter Peiniger des wehrlosen Jesus, stürzt sich in eine Arie, die den blutüberströmten Rücken seines Opfers zum „allerschönsten Regenbogen“ umdeutet.

Das hat eine beunruhigende Kraft. Der ergraute Evangelist von Mark Padmore lässt bei aller Souveränität erahnen, welche Zumutung darin liegt, diese Geschichte menschlichen Versagens noch einmal erzählen zu müssen. Padmore setzt Pausen, in denen Stürme toben, sein Blick ist wund. Der von Simon Halsey präparierte, auswendig singende Rundfunkchor findet immer zwingender hinein in einen Abend der unbehaglichen Fragen: „Kann ich durch deine Pein und Sterben das Himmelreich ererben?“ Wer hören, wer sehen kann in der Philharmonie, muss das verneinen. Der Schlusschor, der einen Platz in Abrahams Schoß erbittet, klingt plötzlich sehr fern.

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