Solo: A Star Wars Story : Weltraumschrott deluxe

Mit dem zweiten Spin-off „Solo: A Star Wars Story“ verästelt sich die Mythologie des Science-Fiction-Klassikers weiter.

Thomas Groh
Alden Ehrenreich (l.) spielt das jüngere Alter Ego von Han Solo im Star-Wars-Prequel „Solo“.
Alden Ehrenreich (l.) spielt das jüngere Alter Ego von Han Solo im Star-Wars-Prequel „Solo“.Foto: Disney

Auch wenn die großen Schicksalsfragen mit der (nachträglich) mittleren Trilogie von George Lucas zwischen 1977 und 1983 eigentlich beantwortet waren, blieben Leerstellen in der historischen Überlieferung des „Star Wars“-Mythos, die für nachfolgende Generationen sukzessive aufgefüllt wurden. Die noch von George Lucas selbst realisierte Prequel-Trilogie (1999-2005) erklärte etwa, wie aus der Alten Republik das galaktische Imperium wurde – und aus Anakin Skywalker Darth Vader. Und das erste Spin-off „Rogue One“ (2016) erzählte, wie die Rebellen an die Pläne für den Todesstern gekommen sind, womit ein Handlungsstrang aus „Krieg der Sterne“ (1977), der mittlerweile „Eine neue Hoffnung“ heißt, geschlossen wurde.

Bleiben noch Detailfragen zu klären, seit jeher die Lieblingsbeschäftigung von „Star Wars“-Nerds. Was hat es also mit den goldenen Würfeln im Cockpit von Han Solos Raumfrachter „Millennium Falcon“ auf sich? Warum ist diese „Mühle ja nur Schrott“, wie es Luke Skywalker einst entfuhr? Wenn Han Solo die gutturalen Laute seines Pelz-Buddys Chewbacca versteht – spricht er dann auch dessen Sprache? Und wie hat sich das ungleiche Duo überhaupt gefunden?

Star Wars goes Perry Rhodan

Das Schicksal der Galaxis hängt von diesen Fragen weiß Gott nicht ab, aber das Spin-off „Solo: A Star Wars Story“, das wie schon „Rogue One“ eine in sich geschlossene Geschichte erzählt, beantwortet sie immerhin plausibel. Die thematische Entschlackung entpuppt sich dabei von Vorteil. Befreit vom Ballast der metaphysischen New-Age-Mythologie um „die dunkle Macht“ und ausufernder Familienzerwürfnisse, können sich die Nebenfilme auf die Kernkompetenz des Blockbusterkinos besinnen: lautstarken Rabatz auf technisch hohem Niveau, vor der liebgewonnenen Kulisse eines etablierten Erzählkosmos. Die Perry-Rhodanisierung des Franchises läuft.

„Solo: A Star Wars Story“ von Routinier Ron Howard nimmt nun die Adoleszenz der moralisch schillerndsten Figur in den Blick. Der Schmuggler Han Solo, der Harrison Ford berühmt machte, ist ein liebenswert zynisches Großmaul, das sich stets mit einem verschmitzten Grinsen, einem saloppen Spruch und einer waghalsigen Aktion aus der Affäre zieht. Kein eigentlich „Guter“, eher ein Söldner mit einem Herz aus Gold und damit eine Figur, die – vom Western über den Piraten- bis zum Agentenfilm – aus einem reicheren filmhistorischen Fundus schöpft als der vergleichsweise blasse Luke Skywalker mit seinen daddy issues.

Vom Schützengraben in die Weltraum-Oper

Solche Freibeuter-Charaktere werden in Umbruchszeiten geboren: Das Imperium expandiert, die Zeiten sind martialisch, kleinere Gruppen leisten bereits Widerstand. Der junge Han (Alden Ehrenreich) und seine Freundin Qi'Ra (Emilia Clarke) schuften in den Minen von Corellia. Gepackt vom Ehrgeiz, Pilot zu werden, wagt er mit Qi'Ra den Ausbruch – doch beim Versuch wird sie gefasst, während Han im Militär des Imperiums landet, das ihn in die Schlacht schickt.

Ein Ausweg aus den schlammigen Schützengräben – eine Reminiszenz an Kubricks Weltkriegsdrama „Wege zum Ruhm“ – eröffnet sich, als der Söldner Tobias Beckett (Woody Harrelson) mit seiner Partnerin Val (Thandie Newton) ein ziemlich großes Ding plant. Im Auftrag des Gangsterbosses Dryden Vos (Paul Bettany), für den inzwischen auch Qi'Ra arbeitet, sollen sie von einem fahrenden Güterzug einen hoch explosiven Supertreibstoff stehlen: die lauteste, spektakulärste Action-Sequenz des Films, in bester „Mission Impossible“-Manier. Aber der Plan geht schief, und um ihre Schuld bei Dryden Vos zu begleichen, müssen Beckett, Solo, der dazugestoßene Chewie (Joonas Suotamo) und Qi'Ra die Hilfe des windigen Lando Calrissian (Donald Glover) in Anspruch nehmen.

Die Produktionsgeschichte zu „Solo“ war schwierig: Um dem Franchise einen neuen Ton zu verpassen, waren zunächst Phil Lord und Christopher Miller, Spezialisten für bromantic Buddy Movies („21 Jump Street“), engagiert worden. Nach zähen ersten Drehwochen zog Produzentin Kathleen Kennedy die Notbremse, Howard sprang kurzfristig ein. 70 Prozent des Films stammen angeblich von ihm.

Doch „Star Wars“ ist ohnehin Produzentenkino, für das Routine gefragt ist: Die Maschinerie steckt solche Krisen offenbar gut weg, anzumerken ist dem fertigen Film dieser Bruch jedenfalls nicht. In Tonfall, Stil und Ästhetik schlüssig, erzählt „Solo“ in überwiegend diffus-grau und kontrastarm gehaltenen Bildern von einer undurchsichtigen Weltlage, die umso unklarer wird, je tiefer der Film die soziale Leiter hinabsteigt.

Die „Star Wars“-Filme waren stets aus der Kommandoebenen-Perspektive erzählt, nach „Rogue One“ und „Solo“ wird ein neuer Ansatz deutlich: Nicht mehr die Entscheidungsträger stehen im Mittelpunkt, sondern jene, die mit deren Konsequenzen leben müssen. Und so gibt es plötzlich in einem „Star Wars“-Film auch Szenen, die sich wie allegorische Konkretionen der Flüchtlingspolitik eines Donald Trump lesen. Schon in „Die letzten Jedi“ zeigte sich zuletzt, dass sich das Franchise unter Kathleen Kennedy zunehmend linksliberalen Positionen öffnet.

Runtergerockte Zukunft mit Liebe zum verschlissenen Detail

Ob Alden Ehrenreichs Harrison-FordInterpretation gelungen ist, darüber lässt sich streiten: Gute Ansätze sind jedenfalls vorhanden. Schwerwiegender ist für Fans schon eher, dass der Basketballstar Joonas Suotamo als neuer Chewbacca die charakteristische Körperhaltung seines Vorgängers Peter Mayhew fast völlig ignoriert. Immerhin bekommt Chewie erstmals ein paar wuchtige Auftritte.

Gelungen ist auch das liebevolle Produktionsdesign mit seinen „Used Future“-Texturen. „Star Wars“ war eben immer schon ein runtergerocktes Erzähluniversum mit viel Abrieb und Verschleiß. Dem fügt „Solo“ nun noch eine gute Portion Maschinenöl hinzu: aus dem Weltraum-Opernhaus in die galaktische Autowerkstatt sozusagen. Freibeuter-Fetz mit Klassenbewusstsein statt bedeutungsschwangerer Weltraum-Theologie. Für die weiteren Spin-offs lässt dieser Sommerkino-Spaß hoffen. Potenzial für weitere Genrekino-Sausen bietet die multiple Sternensaga auch – oder gerade – ohne das Brimborium um den Jedi-Orden und die dunkle Macht.

In 22 Berliner Kinos (2D/3D), OV: Alhambra, Neukölln Arcaden, Titania, Cinestar Sony Center, Cinestar Imax, Rollberg, Colosseum, UCI Friedrichshain, Zoo Palast, OmU: Kulturbrauerei

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