Sprachphilosophie : Das Übersehene im Offensichtlichen

Longan, o Longan: Wie Sprache das Bewusstsein prägt. Eine Glosse.

Oben Fett, drunter Longan. Stuhl von Joseph Beuys aus dem Jahr 1964 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt.
Oben Fett, drunter Longan. Stuhl von Joseph Beuys aus dem Jahr 1964 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt.Foto: Andreas Arnold/dpa

Longan – damit bezeichnet man in Zentraljava angeblich den leeren Raum unter einem Stuhl, einem Tisch oder einem Bett. Für Aimee Lin, die zum letzten Gallery Weekend im House of Egorn, gleich neben dem Wintergarten in der Potsdamer Straße, eine gleichnamige Gruppenaussstellung kuratierte, steht das Wort für die Idee des schlechthin Unübersetzbaren.

Wenn dem Fetisch des Unübersetzbaren schon nicht recht zu trauen ist – dem Wort Longan ist es noch viel weniger. Auf den gängigen Listen der Vokabeln, die in keiner anderen Sprache existieren, wird es nirgends geführt. Überhaupt zu finden ist nur in der Region beheimatete litschiartige Frucht.

Dennoch will ich nicht glauben, dass es sich bei Longan um eine doppelte Luftnummer handelt. Und selbst wenn es eine wäre, würde es mich nicht schrecken: Jede derartige Abstraktion bewegt sich auf der Grenze von Wirklichkeit und Erfindung.

Im sogenannten Universalienstreit der Philosophie konnte ich mich nie auf die Seite derer schlagen, die Begriffen eine Realität unabhängig von ihrer gedanklichen und sprachlichen Gestalt zubilligen, oder auf die Seite derer, die sie für reine Fiktion halten. Seit meinem Besuch im House of Egorn sehe ich den Korbstuhl in meinem Zimmer jedenfalls mit anderen Augen.

Ich denke: Was für ein eleganter Longan zwischen seinen Beinen! Und nach Jahren unverzeihlicher Ignoranz beuge ich mich regelmäßig unters Bett hinunter, um die faszinierenden Weiten des dortigen Luftraums zu ermessen.

Hygge und andere Konzepte

In fremden Sprachen gibt es zahlreiche Begriffe, deren Bedeutung sich mehr oder weniger schnell erschließt. Dazu gehören, wenn man Namen für Gebrauchsgegenstände, Tiere oder Pflanzen einmal außer Acht lässt, Konzepte wie das dänische Hygge, die modernere Alternative zur deutschen Gemütlichkeit. Oder das japanische Wabi-Sabi, die zenbuddhistische Idee einer Schönheit, die erst in der Eintrübung ihre Vollkommenheit offenbart.

Das Aufregende am Begriff Longan besteht darin, dass er die Wahrnehmung so konkret strukturiert: Im Offensichtlichen hebt er das Übersehene hervor. Der zentraljavanische Code ordnet den Raum neu. In solchen Momenten liegen die Inspirationsquellen kultureller Differenz.

Und wenn sich Vokabeln wie Longan auch nicht immer direkt übersetzen lassen, so ist es in aller Regel doch kein Problem, die Vorstellungen dahinter nachzuvollziehen.

Keine Sprache, welche sanften Zwänge sie auch ausübt, ist ein Gefängnis. Jede Sprache ist vielmehr eine Schaufel, mit deren Hilfe man auch unter hohen Mentalitätsmauern hindurch einen Tunnel zu anderen Sprachen graben kann.

Keine Paläste, keine Armenhäuser

Von daher ist auch keine von ihnen ein Palast oder ein Armenhaus. Das Englische ist die wortreichste Sprache der Welt. Von daher ist es dem Toki Pona überlegen – einer jungen, von der Kanadierin Sonja Lang erfundenen Kunstsprache, die aus nur 120 Grundwörtern besteht.

Vielfalt allein ist allerdings noch keine Voraussetzung gelingender Kommunikation. Der amerikanische Sprachwissenschaftler Benjamin Lee Whorf täuschte sich gleich zweimal, als er einerseits den Hopi nachsagte, über keinerlei Zeitindexierung für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verfügen, und andererseits den Inuit bescheinigte, über 50 verschiedene Wörter für Schnee zu besitzen: Es sind genau zwei, dies allerdings in grammatikalisch abenteuerlichen Variationen.

Wie sprechen Außerirdische?

Diese Irrtümer berühren seine grundlegende Annahme vom Einfluss der Sprache auf das Bewusstsein nicht – schon gar nicht im Licht neuerer Erkenntnisse über andere Aborigenes. Zweifelhaft ist nur, ob sie auch für extraterrestrische Intelligenzen gilt.

Denis Villeneuves grandioser Science-Fiction-Film „Arrival“ aus dem Jahr 2016 erzählt von einer Linguistin, die Kontakt zu auf der Erde gelandeten Aliens aufnimmt.

Sichtlich beeinflusst von Whorfs Forschungen, entschlüsselt sie die zirkuläre Zeitauffassung der außerirdischen Sprache.

In diesem Fall von gattungsüberschreitender Verständigung wird die Idee von grenzenloser Übersetzbarkeit vielleicht ausnahmsweise überstrapaziert: Tatsächlich einmal am ganz Anderen zu scheitern, das sonst bestenfalls zu romantischen Fantasien taugt, kommt hier jedoch schon aus dramaturgischen Gründen nicht in Frage.

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