Staatsopern-Intendant Matthias Schulz : „Wir brauchen eine Schule des Hörens“

Der Berliner Staatsopern-Intendant Matthias Schulz über den Kampf mit der Bühnentechnik und das neue Kinderorchester.

Vor der ersten eigenen Saison. Matthias Schulz, neuer Chef Unter den Linden.
Vor der ersten eigenen Saison. Matthias Schulz, neuer Chef Unter den Linden.Foto: Martin Lengemann/Staatsoper

Herr Schulz, seit Dezember spielt die Staatsoper wieder Unter den Linden. Richtig rund läuft es aber noch nicht. Es gibt Beschwerden über die Klimaanlage, an der Fassade stehen immer noch Gerüste, der Kartenverkauf findet weiterhin in einem Container statt …

Ja, es gibt Probleme, aber Sie wissen ja, dass der Wiedereinzug ins Stammhaus nur mit Ach und Krach geklappt hat. Da grenzt es schon an ein Wunder, dass wir keine einzige Vorstellung absagen mussten. Was dem unglaublichen Einsatz der gesamten Belegschaft zu verdanken ist, die immer einen kühlen Kopf bewahrt hat, alle heiklen Situationen hinter den Kulissen regeln konnte. Es gab im Winter mehrere Wochen, da haben wir nicht von Tag zu Tag geplant, sondern von Stunde zu Stunde. Bei der neuen Bühnentechnik konnten wir ja auf keinerlei Erfahrung zurückgreifen, da haben wir alles zum allerersten Mal gemacht – im laufenden Betrieb! Und selbst noch im Juni, bei der Vorbereitung der „Macbeth“-Premiere, mussten wir feststellen, dass sich die Hubpodien anders bewegen als in der Bedienungsanleitung angegeben, wenn sie nicht waagerecht, sondern schräg gestellt sind. Wir sind in allen Bereichen des Hauses noch in der Lernphase, auch bei der Feinabstimmung der Akustik und der Klimatechnik. Hinzu kommt, dass wir als Nutzer andere Prioritäten setzen als die Baufachleute. Die arbeiten nach ihren Plänen, wenn aber in der Garderobe der Seifenspender fehlt, ist das für die Ankleiderin ein tägliches Ärgernis.

Die Besucher sollten also froh sein, dass es überhaupt Aufführungen gibt?

Wir sind drin! Nach sieben Jahren des Wartens und zahllosen Terminverschiebungen! Das sage ich auch immer wieder unseren Mitarbeitern, die unglaublich streng mit sich selber sind, stets den höchsten Qualitätsmaßstäben genügen wollen. Wir haben die Probleme überall gesehen, konnten aber nicht alle sofort lösen, weil es einfach zu viele waren. Täglich passieren hier Sachen, bei denen man denkt: Das gibt’s doch jetzt nicht! Im Apollosaal beispielsweise haben wir festgestellt, dass die Temperaturfühler der Klimaanlage nur unter der Decke angeschlossen waren, aber nicht unten auf der Höhe des Fußbodens. Unsere Mängelliste hat über 2000 Positionen. Aber es geht voran, Schritt für Schritt. Einer unserer Techniker hat neulich zu mir gesagt: Die nächste Saison wird heftig – aber jetzt freue ich mich drauf!

Was passiert konkret jetzt im Sommer?

Da wird auf der Bühne vieles fertiggestellt. Was bedeutet, dass wir keine Zeit haben, um in der Spielzeitpause Stücke aus dem Repertoire anzupassen auf die neuen Gegebenheiten der Bühne. Also müssen wir auch in der kommenden Saison wieder Techniktage einplanen, an denen dann keine Vorstellungen stattfinden können. Mit dem Effekt, dass die Leute sagen: Die Staatsoper ist ja ständig zu! Ich kann Ihnen versichern, dass nicht eine einzige Stunde vergeht, wo auf der Bühne nicht gearbeitet wird. Ob es technische Umbauten sind oder Proben – es ist sogar schwer eine zeitliche Lücke für ein Vorsingen auf der Bühne zu finden. Selbst nachts noch kommen Firmen, die dort dringend nötige Arbeiten ausführen.

Zur Person

Matthias Schulz, geboren 1977 in München, ist studierter Pianist und Volkswirt. Von 2012 bis 2016 leitete er das Salzburger Mozarteum. Seit dem 1. April ist er, als Nachfolger von Jürgen Flimm, Intendant der Berliner Staatsoper.

In der kommenden Spielzeit kann Matthias Schulz erstmals eigene inhaltliche Akzente setzen. Allein bei den Regisseuren und Regisseurinnen der zwölf Neuproduktionen finden sich neun Namen, die noch nicht Unter den Linden gearbeitet haben. Aletta Collins wird sich zusammen mit Simon Rattle und Olafur Eliasson der Barockoper „Hippolyte et Aricie“ von Jean-Philippe Rameau annehmen, Yval Sharon einen neuen Blick auf die „Zauberflöte“ werfen, Bartlett Sher inszeniert Verdis „Rigoletto“.

Das in der Flimm-Ära im Sommer veranstaltete „Infektion“-Festival mit zeitgenössischer Musik wird abgeschafft – weil Schulz findet, dass sich die Musik unserer Zeit selbstverständlich ins Programm einfügen sollte. Aus der Notlösung, immer dann Barockes mit Gastorchestern Unter den Linden aufzuführen, wenn die Staatskapelle auf Tournee ist, macht Schulz 2018 erstmals ein richtiges Festival, die Barocktage im November und Dezember.

Gleichzeitig steuert die Staatsoper auf ein strukturelles Defizit zu.

Unsere Betriebskosten steigen in der Tat. Wir wollen die Möglichkeiten, die uns jetzt nach der Sanierung zur Verfügung stehen, tatsächlich auch sichtbar für das Publikum auf der Bühne nutzen. Fortschritt kostet Geld. Und es wird ja von uns erwartet, dass wir zeigen, was wir alles können. Ich bin gerne bereit, zusätzliche Gelder in der Wirtschaft einzuwerben, um zum Beispiel unser Jugendprogramm zu finanzieren oder „Staatsoper für alle“ auf dem Bebelplatz.

Apropos Jugendprogramm: Das liegt Ihnen spürbar am Herzen. Auf der Saisonvorschau müssten es eigentlich einen Aufkleber geben, auf dem wie bei Gesellschaftsspielen steht „Von 2 bis 99 Jahren“.

Ich bin fest davon überzeugt, dass alle, die in der Kindheit mit dem Genre in Kontakt gekommen sind, nach der Lebensphase, in der sie wegen Familie und Karriere glaubten, keine Zeit für Oper zu haben, zu uns zurückkommen. Es geht also darum, Leute unter 25 Jahren mit dem Virus Oper und Musik zu infizieren. Denn das passiert auch in den bürgerlichen Kreisen heute nicht mehr automatisch. Und in der Schule geht es zu oft streng nach Curriculum nur um Faktenvermittlung. Dabei wäre eine „Schule des Hörens“ viel sinnvoller. Wenn der Musiklehrer Kompositionen, für die er brennt, erklärt, dann kann er die Schüler im besten Sinne „bei den Ohren packen“. Meine effektivste Musikstunde fand im Deutschunterricht statt – als wir „Die Musterschüler“ von Michael Köhlmeier gelesen haben. Darin spielt Mozarts Requiem eine wichtige Rolle. Als der Lehrer nach der Lektüre uns dann eine CD-Aufnahme des Stückes vorgespielt hat, machte das einen unfassbaren Eindruck auf alle in der Klasse. Auch ich habe diesen missionarischen Eifer mit unserem Jugendprogramm.

Wir läuft das konkret ab?

Wir wollen nicht ersetzen, was in Kindergärten, Schulen und Musikschulen passiert, sondern im Gegenteil, wir wollen ergänzende Angebote machen. Ein wichtiger Teil des Jugendprogramm besteht darin, dass wir junge Menschen einladen, sich die großen Opernproduktionen anzusehen, also unser ganz reguläres Programm. Zu Preisen, die sich jeder Jugendliche leisten kann. Im Rahmen von opera unlimited können sich zudem junge Menschen unter 30 für Generalproben anmelden. Wir bieten selbstverständlich weiterhin Familienvorstellungen an und machen bei der Classic Card mit.

Eine Aufführung im großen Saal ist zumeist der zweite Schritt bei der Annäherung an die Oper. Wie sieht Schritt 1 aus?

Es gibt moderierte Kinderkonzerte, und zwar differenziert nach Altersgruppen, also ab zwei Jahren, ab sechs Jahren und ab zehn Jahren. Aber wir wollen die Kinder auch zum Selbermachen verführen. Zum Beispiel durch Workshops, das neue Opernkinderorchester und die Kinderopernhäuser. In Lichtenberg gibt es seit 2010 ein Kinderopernhaus als Kooperation mit der Caritas. In AGs wird gesungen und musiziert, mit kontinuierlicher sozialpädagogischer Begleitung. Wir haben das Projekt jetzt ganz in unsere Regie übernommen und weitere Orte für Kinderopernhäuser geschaffen, in Marzahn, Reinickendorf und auch bei uns in Mitte. Wir stoßen bei den Bezirken auf großes Interesse, wenn es darum geht, Räumlichkeiten zu finden. Und auch die Senatskulturverwaltung beteiligt sich finanziell.

Wie langfristig ist das angelegt?

Es läuft sofort mit zehn AGs in den Bezirken an, jährlich wird es in jedem Kinderopernhaus eine Produktion geben, alle zwei Jahre planen wir eine große Inszenierung Unter den Linden, bei der alle bezirksübergreifend zusammenarbeiten. Im Mai 2019 starten wir mit einer Kinderversion von Prokofjews „Liebe zu den drei Orangen“.

Diese Education-Arbeit hat Simon Rattle aus Großbritannien mitgebracht, als er 2002 zu den Berliner Philharmonikern kam. Inzwischen gibt es geradezu einen Wettbewerb der Institutionen darum, wer das coolste Projekt auf die Beine stellt.

Davon kann es nicht genug geben! Und gleichzeitig sollte sich jeder auf das konzentrieren, was er am besten kann. Wir machen das mit unserem Opernkinderorchester. Wir haben 15 staatliche und private Musikschulen gebeten, uns Kinder zu schicken, insgesamt besteht das Orchester aus 90 Mitgliedern im Alter von sieben bis zwölf Jahren. Sie werden von Musikern der Staatskapelle und Musikschullehrern betreut. Ich finde, man kann mit der Orchesterarbeit nicht früh genug anfangen. Das motiviert ungemein, da läuft und springt man dann plötzlich schneller und weiter, als man es sich vorher im Einzelunterricht vielleicht zugetraut hat.

Kontrabässe sind in der Altersgruppe sicher schwer zu finden …

Das war erstaunlicherweise ganz einfach. Schwieriger waren die Celli.

Den ersten Auftritt des Kinderopernorchesters wird Maestro Barenboim im April 2019 höchstselbst dirigieren – und damit mal wieder die ganze Medienaufmerksamkeit für sich abgreifen.

Ich finde es großartig, dass er dabei ist. Wir bieten dem Opernkinderorchester ja ganz bewusst die größtmögliche Plattform, die wir haben: nämlich die Festtage der Staatsoper zu Ostern. Rolando Villazon wird moderieren und auch Mozart- Arien singen. Mit „Peter und der Wolf“ sowie „Hänsel und Gretel“ haben wir Stücke auf dem Programm, die zwar oft bei Kinderkonzerten vorkommen, aber immer gespielt von Erwachsenen. Als die Staatskapelle hörte, dass wir diese technisch wirklich anspruchsvollen Stücke jetzt von den Kindern spielen lassen wollen, haben sie uns für verrückt erklärt. Mal sehen, was da möglich ist. Wir planen für die Zukunft übrigens auch, Werke bei zeitgenössischen Komponisten in Auftrag zu geben.

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