Steven Soderberghs „Unsane“ : Eine Frau zwischen Wahrheit und Wahnsinn

Außer Konkurrenz im Wettbewerb: Steven Soderberghs mit dem Smartphone gedrehter Psychothriller „Unsane“.

Sarah Kugler
Hilferuf. Sawyer (Claire Foy) will raus aus der Klinik.
Hilferuf. Sawyer (Claire Foy) will raus aus der Klinik.Foto: Fingerprint Releasing / Bleecker Street

Es gibt da diese eine, sehr starke Szene. Ein Kammerspielmoment zwischen der Protagonistin Sawyer Valentini und einem Mann in der Gummizelle einer Klinik. Überall sind Matten. Die Wände sind damit gepolstert, der Boden auch. Ein abgeschotteter Raum, gegenüber den anderen Patienten, gegenüber der Realität. Sawyer ist dem Mann scheinbar hilflos ausgeliefert. Bis sie das Machtgefüge ins Wanken bringt, ihn verbal attackiert und psychisch zerschmettert. Es ist ein Augenblick des Triumphs, der Steven Soderberghs Talent für vielschichtige Charaktere zeigt – und seine Kunst, mit den Erwartungen der Zuschauer zu spielen.

Sawyer Valentini, überzeugend verkörpert von „The Crown“-Star Claire Foy, erlebt man in seinem Thriller „Unsane“ zunächst als leicht nervöse, latent wütende junge Frau, die wegen eines aufdringlichen Stalkers die Stadt und den Job wechselt. Weil sie unter Angstattacken leidet, den Mann immer wieder zu sehen glaubt, sucht sie das Gespräch in einer psychiatrischen Klinik. Dort macht sie eine Bemerkung über Selbstmordgedanken, unterzeichnet unachtsam Formulare und darf die Klinik plötzlich nicht mehr verlassen. Ihre Behauptung, dass der Pfleger George ihr Stalker David Strine aus der Vergangenheit sei, wird nicht ernst genommen, Sawyer mit Medikamenten ruhig gestellt. Irgendwann beginnt sie selbst an ihrer Wahrnehmung, ihrer Wahrheit zu zweifeln.

Zu große Moralkeule

Steven Soderbergh, der sich nach „Side Effects“ von 2013 erneut mit gesellschaftlichen Auswirkungen des Gesundheitssystems befasst, hätte sich nur auf Sawyers Geschichte konzentrieren können. Ihr Schwanken zwischen Schein und Sein, das Spiel mit Wahrheit und Wahnsinn hätte für einen spannenden Psychothriller ausgereicht. Doch den Drehbuchautoren Jonathan Bernstein und James Greer war das offenbar nicht genug weshalb sie noch eine Geschichte über einen investigativen Journalisten eingebaut haben, der Versicherungsbetrügereien aufdecken will.

Jay Pharoah spielt diesen coolen Nate, der in der Klinik angeblich eine Opiumsucht auskuriert. Er wird schnell zu Sawyers Verbündeten, ihrem Anker, der ihr nicht nur verbotene Telefonate ermöglicht, sondern ihr auch immer wieder versichert, dass sie geistig vollkommen gesund ist. So interessant sein Charakter ist, Soderbergh gelingt es nicht, die beiden Handlungsstränge sauber zusammenzuführen. Als Psychothriller plus Enthüllungsstory wirkt „Unsane“ zu gewollt, die Moralkeule zu groß.

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Am ärgerlichsten ist allerdings, dass der Regisseur die Frage nach Sawyers Geisteszustand viel zu früh auflöst. Anders als in „Side Effects“, in dem die Figuren bis zum Schluss undurchschaubar bleiben, wird hier schnell klar, was der sanftmütig auftretende Pfleger George (Joshua Leonard) im Schilde führt. Zu offensichtlich richtet Soderbergh den Blick auf ihn. Der zeitweilige Perspektivwechsel nimmt dem Film jedoch nicht die Spannung. Denn da ist ja noch das Machtspiel zwischen den beiden.

Eigentlich hatte Soderbergh 2013 angekündigt, sich aus dem Filmgeschäft zurückziehn zu wollen. Von wegen: Nach der feinen Krimikomödie „Lucky Logan“ aus dem letzten Jahr wirkt der mit dem Smartphone gedrehte „Unsane“ allerdings eher wie eine Fingerübung – ein Thriller mit Schockeffekten. Und mit der Dickköpfigkeit, der Spielkraft von Claire Foy.

22.2., 16 Uhr (Friedrichstadt-Palast), 23.2., 9.30 Uhr und 18 Uhr (Friedrichstadt-Palast)

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