Streitthema Kulturelle Aneignung : Wem gehört die Geschichte?

In Kanada mit zwei Stücken abgesetzt: Der Regisseur Robert Lepage diskriminiert angeblich Minderheiten.

Eberhard Spreng
Unter Beschuss. Regisseur Robert Lepage.
Unter Beschuss. Regisseur Robert Lepage.Foto: Bertrand Guay/AFP

Auch Ariane Mnouchkines Auftritt hat nicht geholfen. Die Theaterchefin des Pariser Théâtre du Soleil war nach Kanada geflogen, um sich mit Vertretern der indianischen Bevölkerungsminderheiten zu treffen. Sie wollte im bitteren Streit über die Theaterproduktion „Kanata“ vermitteln. Der kanadische Regisseur Robert Lepage arbeitete seit Jahren mit Schauspielern des Théâtre du Soleil an diesem Projekt. Es kommt wohl nicht mehr zustande. Lepage, dessen weltberühmten Arbeiten man Diskriminierung von Minderheiten nun wirklich nicht vorwerfen kann, musste unter dem Druck der Proteste aufgeben, nachdem sich seine New Yorker Co-Produzenten zurückgezogen hatten.

Lepage verdient es ebenso wenig wie Mnouchkines aus 26 Nationalitäten – darunter Syrer und Afghanen– zusammengesetztes Ensemble, zum Opfer einer aufgeheizten Gesellschaftsdebatte zu werden, die andere mit ihren ultrarechten Positionen anheizen: Die Suprematisten etwa im Amerika des Donald Trump, die allen Ernstes von einer kulturellen Überlegenheit der weißen Rasse überzeugt sind. In diesem Klima ist es verständlich, wenn Vertreter der Amerindiens, der indianischen Urbevölkerung Kanadas es nicht hinnehmen wollten, dass Lepages Stück die Geschichte Kanadas und ihrer Ureinwohner erzählt, ohne dass sie selbst auf der Bühne auftreten. Die Amerindiens fühlen sich von der kanadischen Mehrheitsgesellschaft nicht genügend respektiert; es herrscht bei ihnen eine große Frustration.

Lepages Hinweis, die elementare Wirkmacht des Theater bestehe nun gerade darin, dass man sich in die Haut eines anderen versetzen könne, scheint bei einer Minderheit nicht zu verfangen, die den Genozid an der indianischen Urbevölkerung in ihrem kollektiven Gedächtnis bewahrt. Und deshalb wird es jetzt ziemlich komplex: Denn hier schwappt eine riesige angloamerikanische Debatte ins frankophone Quebec, die mit dem Begriff der „cultural appropriation“, der kulturellen Aneignung, geführt wird.

Ein Weißer, also ein Angehöriger der so verstanden vorherrschenden kulturellen Mehrheit, darf sich nicht Attribute einer sich als unterdrückte Minderheit verstehenden Bevölkerungsgruppe aneignen, nicht ihre Geschichten erzählen, nicht ihre Musik spielen. Dass die englischsprachigen Blätter Quebecs den Vorwurf der kulturellen Aneignung gegenüber Lepage teilen und die Absetzung von „Kanata“ begrüßen, während die frankophonen Blätter sie als Zensur ablehnen, ist bezeichnend.

Kollision der Gesellschaftsmodelle

Hier stoßen Gesellschaftsmodelle aufeinander, die nicht vereinbar sind: der US-amerikanische Kommunitarismus und der europäische Universalismus, dem sich auch das französische Quebec verbunden fühlt. Der eine wacht über die Gleichberechtigung kultureller und ethnischer Gemeinschaften, der andere über die unverbrüchlichen Rechte des Individuums jenseits aller Fragen der Zugehörigkeit zu irgendwelchen Minderheiten.

Das amerikanische Modell führt zu der auch in diesem Fall virulenten Vorstellung, letztlich sei nur ein Nachfahre der indianischen Minderheit für künstlerische Aussagen zur indianischen Geschichte akkreditiert. Die tief theatervernarrten Kulturen Europas glauben hingegen immer noch ziemlich stark an die universelle Gültigkeit von Diskursen, Theorien und Ideologien unabhängig von der Hautfarbe ihrer Sprecherinnen und Sprecher. Die zentrale Frage bleib: Ist Kultur überhaupt etwas, das Eigentum einer Minderheit sein und also von anderen widerrechtlich angeeignet werden kann?

„Kanata“ ist aber auch zum Opfer eines anderen Skandals geworden, um eine andere Produktion, die Robert Lepage eingerichtet hatte: das szenische Konzert „Slav“, das im Juni nach drei Aufführungen vom Programm des Festival de Jazz de Montreal abgesetzt wurde. Schon bei der Voraufführung mussten Polizisten den Zuschauern den Weg durch eine aufgebrachte Menge von Demonstranten bahnen. „Slav“ erzählte mit der frankokanadischen Sängerin Betty Bonifassi als Frontfrau von der Sklaverei und spielte die Musik afroamerikanischer Sklaven.

Aber nur zwei der sieben Akteurinnen auf der Bühne waren Schwarze, was eine heftige Mediendebatte, den Festivalboykott des ebenfalls programmierten schwarzen Singer-Songwriter Moses Sumney und die Proteste vor dem Théâtre du Nouveau Monde ausgelöst hatte. Man kann Lepages Besetzung mehr als unglücklich nennen. Dennoch: Das Tragische an den zwei Absetzungen von Robert Lepage Inszenierungen ist, dass hier Fronten zwischen zwei Parteien entstanden sind, die trotz unterschiedlicher Hautfarbe ganz ähnliche politischen Ziele teilen und ganz ähnliche Sensibilitäten für historische Verantwortungen. Was sie aber radikal unterscheidet, ist ihre Haltung zur „kulturellen Aneignung“. Sie ist eine wissenschaftlich umstrittene, künstlerisch katastrophale Doktrin.

Wenn Europa Europa bleiben will, müssen sich jetzt ganz schnell ein paar Theater und Festivals finden, die statt der verängstigten New Yorker Co-Produzenten einspringen und „Kanata“ für die ursprünglich geplanten Aufführungen in Europa ermöglichen. Und Ariane Mnouchkine muss ihr in Kanada gemachtes Versprechen einlösen, ein Festival für die Kulturen indianischer Minderheiten zu etablieren. Gestohlene Kunstwerke müssen ihren Ursprungsgesellschaften zurückgegeben werden. Geschichten und Mythen aber sind ein von der Menschheit geteiltes Material, das jedem Künstler offensteht. Lepage sagt völlig richtig, er beharre auf dem Recht, auf dem Theater über alle und alles zu sprechen.

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