Stück von Necati Öziri am Gorki Theater : Heinrich von Kleist, mal ohne Rassismen

Am Freitag ist Premiere für „Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch“ am Gorki-Theater. Autor Necati Öziri hat Kleists Novelle neu verfasst.

Neue Ordnung der Verhältnisse. Eine Szene aus „Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch“.
Neue Ordnung der Verhältnisse. Eine Szene aus „Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch“.Foto: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie/Gorki Theater

Kleist war kein Rassist. Diesen Satz hat Necati Öziri mittlerweile oft gehört, er klingt für ihn wie: Mein Opa war kein Nazi. Und dann gibt es die anderen, die sagen, er renne doch nur offene Türen ein. Heinrich von Kleists Rassismus? Bekannt, geschenkt. Für Öziri läuft beides auf dasselbe hinaus: „Sich nicht ernsthaft auseinander setzen zu müssen“. So wie er es getan hat.

Der Dramatiker hat die Kleistsche Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ mit Röntgenblick gescannt und all die Manipulationen und Konstruktionen zum Vorschein gebracht, die in dieser Geschichte aus dem revolutionären Haiti um 1800 eine klare Hierarchie der Hautfarben schaffen. Dort der grimmige schwarze Truppenführer Congo Hoango, der unerbittlich Jagd auf Weiße macht. Hier der gute Gustav, ein Schweizer, den es auf die Insel verschlägt und der sich in Toni verliebt, die Tochter von Hoangos Lebensgefährtin Babekan. Dieser Gustav sei „das unschuldige weiße Leben, das gerettet werden muss“, sagt Öziri, darauf laufe die gesamte Dramaturgie zu.

Nun könnte man natürlich einwenden: Kleist war ein Kind seiner Zeit. Einer Epoche ohne postkoloniales Bewusstsein, inklusive laxer Verwendung des N-Wortes. „Als wäre die Zeit ein metaphysisches Ding – Männer wie Kleist haben Geschichte gemacht und ihre Zeit geprägt“, stellt Öziri klar. Aus all diesen Reflexionen ist sein Stück „Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch“ entstanden, das die Vorlage nicht überschreiben oder „ins Heute holen“ will. Sondern im historischen Setting Haitis die Verhältnisse völlig neu ordnet. Als Gegenentwurf und eigenständiges Werk.

Ist Gewalt wirklich nie gerechtfertigt?

In Öziris Stück – das als Koproduktion in Zürich uraufgeführt wurde und nun seine Berliner Premiere im Container des Gorki Theaters feiert – haben die Schwarzen das Sagen. Anders als im Original besitzen sie Backstorys, und die Kleistsche Kernthese – „revolutionäre Gewalt ist nicht gerechtfertigt, nie“ – will der studierte Philosoph so simpel auch nicht stehen lassen. Er zieht ein Buch aus der Tasche, das die befreundete Schriftstellerin Sasha Marianna Salzmann ihm empfohlen hat, „The Last Interview“, ein Gesprächsband mit dem weltweit gefeierten Autor James Baldwin. Der sagt darin sinngemäß, es spiele keine Rolle, ob er für oder gegen Gewalt sei. Sicher sei, angesichts der Unrechtsverhältnisse, dass es zu Gewalt kommen werde. Welche Auswirkungen die auf Familienstrukturen haben kann, das war unter anderem schon Thema in Necati Öziris grandiosem Debütstück „Get deutsch or die tryin’“, einem hintergründigen Generationenporträt zwischen der Türkei zu Putschzeiten und dem Almanya der Gegenwart.

Necati Öziri leitete 2015 bis 2017 das Studio des Maxim Gorki Theaters.
Necati Öziri leitete 2015 bis 2017 das Studio des Maxim Gorki Theaters.Foto: Esra Rotthoff

Öziri, der heute das internationale Forum des Theatertreffens leitet und zuvor einige Jahre das Studio des Gorki verantwortet hat, spiegelt in seinem Kleist- Widerspruch auch die eigene Position als Autor of Colour, der über Schwarze schreibt, in all ihren Ambivalenzen. Mit dem Ziel, dass irgendwann jemand kommt und wiederum ihm widerspricht: „Das ist für mich gelebte Dialektik oder Demokratie“.

Blackfacing und N-Wort sind untersagt

Fest steht für ihn: Einmischung muss sein. Rassismus sei schließlich nicht das Problem der „Anderen“. Und der deutsche Kanon, mit dem Öziri hier am Stellvertreter-Schauplatz Haiti in den Ring steigt, verlangt nach permanenter kritischer Betrachtung: Wer spricht für wen – und wie? „Dieses ‚alle können alles spielen’ wird ja meist nur in eine Richtung gemünzt“, sagt er, „dass natürlich jeder Weiße Othello spielen darf“.

[„Die Verlobung in St. Domingo – Ein Widerspruch“, Premiere am 30.8., 20 Uhr, Container des Gorki Theaters]

Wie ein Alltag der Diskriminierung in Berlin anno 2019 aussieht, hat kürzlich Dirigent Brandon Keith Brown beschrieben. Er sagt auch, der Begriff Multikulti verschleiere die Realität von Rassismus. Öziri fällt in dem Zusammenhang noch der Terminus „Ethno-Pluralismus“ ein, der ja letztlich auf nichts anderes ziele, als die Kulturen brav voneinander getrennt zu halten. „Aber das sind Stöcke, über die wir gar nicht springen dürfen“, betont er. „Sonst sind wir permanent damit beschäftigt, Bullshit zu widerlegen“. Die Populisten interessieren ihn als Gegner nicht. Bei Kleist liegt der Fall anders. Weil der seit Schulzeiten seine Spuren hinterlassen hat. Und nicht zuletzt die Frage aufwirft: „Wo ist der Kleist in mir?“

Öziri hat seiner „Verlobung in St. Domingo“ ein paar Anweisungen vorangestellt. Jede Form des Blackfacing und die Verwendung des N-Wortes sind untersagt. Mindestens die Hälfte des Ensembles soll mit „Schwarzen Menschen und Menschen mit Rassismuserfahrung“ besetzt werden. „Ich würde das heute noch radikaler formulieren und auf das künstlerische Team ausweiten“, sagt der Dramatiker. „Weil ich nicht mehr an relevantem Theater interessiert bin, sondern an einem Theater, das einen Effekt hat“. Wie eben: die Ensemblepolitik zu überdenken. Weil die Verhältnisse, gerade im Kulturbetrieb, ebenso wenig wie die Zeit eine metaphysische Gegebenheit sind. Sie lassen sich ändern.

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