Tanz im August : Bollywood im Township

„Tanz im August“: Constanza Macras triumphiert mit dem multiethnischen Stück „Chatsworth“.

Bitte ein bisschen mehr Ekstase. Die Tanzkompanie Dorky Park in einer Szene aus „Chatsworth“.
Bitte ein bisschen mehr Ekstase. Die Tanzkompanie Dorky Park in einer Szene aus „Chatsworth“.Foto: Thomas Aurin

Eine der Entdeckungen von „Tanz im August“ ist Euripides Laskaridis. Sein Stück „Titans“ ist eine schreiend komische Mythenzertrümmerung. Die beiden Titanen, die sich auf der Bühne des HAU2 in absurde Aktionen stürzen, sind keine mächtigen Riesen, sondern lächerliche Gestalten. Laskaridis, mit Eierkopf, vorwitziger Nase und dickem Bauch, spielt die weibliche Gottheit. Seine Titanin ist eine Kichererbse.

Giggelnd und staunend irrt sie durch einen dunklen Bühnenkosmos, betrachtet die Sterne oder beugt sich über ein winziges Gebirgsmassiv aus Goldfolie. Ihr Schöpferwerk bricht sie ab, um sich wieder der Hausarbeit zuzuwenden. Wenn die Titanin sich für die Partnersuche aufbrezelt und mit dem umdüsterten Dimitris Matsoukas zu flirten versucht, ist das zum Piepen. Laskaridis schrumpft in seinem grotesken Bildertheater die Titanen auf menschliches Maß. Und das Publikum amüsierte sich prächtig.

Auch bei Constanza Macras, die im HAU1 die Uraufführung „Chatsworth“ präsentierte, warfen sich die Zuschauer vor Lachen fast von den Stühlen. Chatsworth ist ein Township in Südafrika, das 1960 vom Apartheid-Regime erbaut wurde. Hier wurden die indischen Einwanderer ghettoisiert. Macras hat für das Stück ein tolles multiethnisches Ensemble zusammengestellt. Die indischstämmigen Performer aus Südafrika sind alle hinreißend. Mit Manesh Maharaj steht sogar ein veritabler Star des traditionellen Kathak-Tanzes auf der Bühne.

Theoriesplitter und biografische Erzählungen

Famos sind auch die beiden schwarzen südafrikanischen Tänzer und die Berliner Performer von Macras Gruppe Dorky Park. Ein Video zeigt zu Beginn die bunt bemalten Matchbox-Häuser von Chatsworth, die typisch sind für die Townships. Die Inder seien in diese winzigen Schachteln eingezwängt worden, um ihren Expansionsdrang zu zügeln, kommentiert einer der Performer. Doch er deutet die indische Einwanderung nach Südafrika, die auf das Jahr 1860 zurückgeht, als ökonomische Erfolgsstory. Die Inder hätten ihre Chance genutzt. Avishka Chewpersad ist die kritische Gegenstimme. Sie wirft der indischen Community in ihrem Festhalten an einer eigenen kulturellen Identität „obsessiven Partikularismus“ vor. Theoriesplitter und politische Diskurse werden mit teils biografischen Erzählungen verknüpft, die das Leben in der Diaspora schildern.

Maharaj berichtet von seiner Großmutter, die 1906 nach Südafrika auswanderte. Die Witwe mit zwei Söhnen hat sich wie viele Inder im Gemüseanbau betätigt. Erzählt wird von einem reichen Familienvater, der den weltlichen Freuden entsagt und sich als Mönch auf eine Pilgerreise begibt. Und von einem jungen Mann, der seine Homosexualität nicht offen leben kann. In einer Pantomime werden dann Deals ausgehandelt zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen – jeder versucht den anderen über den Tisch zu ziehen.

Spott über Latino-Klischees

Die herrlich komische Fernanda Farah behauptet, als Weißer stehe ihr eine echt fiktionale Rolle zu. Und knöpft sich dann als Musik-Ethnologin das Musical-Genre mit seinen Projektionen vor. Die Japanerin Miki Shoji muss hier in die Rolle der Puertoricanerin schlüpfen, wenn die „West Side Story“ zitiert wird – just an dem Abend, an dem der100. Geburtstag von Leonard Bernstein gefeiert wird. Anhand des Musicals „Lion King“ wird demonstriert, welche Bewegungen als „afrikanisch“ kodiert werden. Auch über die Latino-Klischees mokiert sich Farah. Während Emil Bordás Tänze vorführt, die das Bild des feurigen Gypsie bedienen, singt ein Inder einen Song von Shakira. Die schwarzen Tänzer glänzen mit einer Ballettparodie. Es ist zum Schreien, wie hier ethnische und kulturelle Stereotype zerpflückt werden. Später bricht ein Disput aus: Die Schwarzen wollen ein Musical über Nelson Mandela machen, die Inder lieber eins über Ghandi. Die weiße Queer-Feministin belehrt sie, Gandhi sei veraltet, heute müsse gegen die Gentrifizierung gekämpft werden – und für 112 verschiedene Geschlechter. Alle stürzen sich hier in einen rasanten Clash der Kulturen. Um dann zusammenzufinden bei den Bollywood-Choreografien von Shampa Gopkrishna.

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Constanza Macras kreiert mit „Chatsworth“ ein hysterisches und hybrides Stück. Passend zu dem wilden Stilmix kombiniert Kostümdesigner Roman Handt Ethno-Look und Disco und steckt auch Männer schon mal in Kleidchen. Die Darsteller, die sich (selbst-)ironisch in kultureller Aneignung üben, sind furios – und werden begeistert gefeiert.

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