Tanztheater Wuppertal : Heftiger Streit um das Erbe von Pina Bausch

Beim Tanztheater Wuppertal ist plötzlich eine Krise ausgebrochen. Geschäftsfrüher Dirk Hesse greift Intendantin Adolphe Binder an und fordert ihre fristlose Kündigung.

Adolphe Binder
Adolphe BinderFoto: dpa/Caroline Seidel

Um ihren Job ist Adolphe Binder wirklich nicht zu beneiden. Sie soll das gefeierte Wuppertaler Tanztheater in die Zukunft führen und zugleich das Erbe von Pina Bausch bewahren. Erst vor einem Jahr war Binder als Intendantin und künstlerische Leiterin berufen worden. Doch nun wird sie bereits infrage gestellt.

Was sich derzeit hinter den Kulissen abspielt, hat etwas von einem Intrigenstadl. Denn Binders Gegenspieler ist ausgerechnet der Geschäftsführer der Tanztheater Wuppertal Pina Bausch GmbH, Dirk Hesse. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er gegen Binders Berufung war. Er habe – so ist aus gut informierten Kreisen zu erfahren – von Anfang an versucht, die Arbeit der neuen Intendantin zu behindern. Formal ist Hesse Binders Vorgesetzter. Der schwelende Konflikt zwischen den beiden hat sich nun voll entladen.

Als am Donnerstag der Beirat der Tanztheater GmbH tagte, hat Hesse die fristlose Kündigung von Binder gefordert. Zu einer außerordentlichen Kündigung konnte sich das Gremium bislang nicht durchringen. Doch inzwischen wurden gezielt Informationen an einige Zeitungen durchgestochen. Sie berichteten über die Vorwürfe gegen Binder. Solche Interna kann eigentlich nur die Geschäftsführung den Medien gesteckt haben. Pikant ist, dass die Journalistin, die Binder in der FAZ ein „offensichtlich dramatisches Versagen“ vorwirft, Dirk Hesse früher mal sehr nahe gestanden haben soll.

Der Zeitpunkt der Kampagne scheint bewusst gewählt

Bei den Vorwürfen geht es um Mobbing und um Binders Führungsstil. Von herabsetzenden und sexistischen Äußerungen ist die Rede. Zudem wird moniert, dass sie bis heute keinen Spielplanentwurf für die kommende Saison vorgelegt habe, was wenig plausibel erscheint bei einer so erfahrenen Managerin. Der Zeitpunkt für die Anti-Binder-Kampagne scheint jedenfalls bewusst gewählt: Das Ensemble ist derzeit auf Gastspielreise in Paris mit und wurde eiskalt von den Nachrichten aus der Heimat erwischt.

Binder darf sich nicht äußern zu den Vorfällen. Einige der Tänzer haben sich inzwischen aber hinter ihre Intendantin gestellt. Niemand habe mit ihnen geredet, aber trotzdem werde im Namen der Tänzer gesprochen, erklärte etwa Michael Strecker gegenüber der „Wuppertaler Rundschau“.

Im Mai und Juni hat das Tanztheater neue Stücke von internationalen Gastchoreografen herausgebracht. „Transformation“ lautet das Motto von Binders erster Spielzeit. Dass dies nicht ohne Kritik und Querelen vonstatten geht, dürfte ihr klar- gewesen sein. Doch die Führungskrise offenbart nun, dass das Tanztheater vor einer Zerreißprobe steht. Bei der Auseinandersetzung scheint es auch um den Status der langjährigen Pina-Bausch-Tänzer zu gehen. Binder versucht, eine Brücke zwischen den Generationen zu schlagen. Was Hesse offenbar nicht passt.

In der nächsten Woche wird der Beirat in Wuppertal erneut zusammenkommen, um über das Schicksal von Binder zu entscheiden. Dabei sollte er auch die Führungsetage ins Visier nehmen und sich fragen, ob der Geschäftsführer noch tragbar ist.

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