Terri Lyne Carrington im HKW : Mit Händen und Füßen

„100 Jahre Beat“: Das Haus der Kulturen der Welt feiert das moderne Schlagzeugset mit einem Festival.

Lasst die Trommeln sprechen. Terri Lyne Carrington im HKW.
Lasst die Trommeln sprechen. Terri Lyne Carrington im HKW.Foto: Laura Fiorio/HKW

In diesem Frühling „100 Jahre Beat“ zu feiern, ist ungefähr so verwegen, wie die Geburt der Literatur auf die Erfindung des Buchdrucks Ende des 15. Jahrhunderts zu datieren. Die Kunst des Menschen, Resonanzkörper mit Tierfellen zu bespannen und darauf herumzutrommeln, reicht rund 30 000 Jahre, bis ins Jungpaläolithikum zurück. Rätselhaft ist höchstens, warum es bis 1909 dauerte, die reine Handarbeit endgültig auf alle Gliedmaßen auszudehnen: In Chicago ließen die Gebrüder Ludwig, Söhne deutscher Einwanderer, eine Fußmaschine für die Bassdrum patentieren, die anders als vorherige Modelle Furore machte.

Schlagzeuger gewannen eine rhythmische Unabhängigkeit, die für die Entwicklung von Jazz, Rock und Pop vermutlich folgenreicher war als die Serienreife des bis heute elementaren Drumsets aus Snare, Toms, Becken, Hihat und Bassdrum, dessen Trommelbestandteile die Ludwigs 1918 auf den Markt brachten. Und damit ist noch kein Wort über die jahrhundertealten Rhythmuskonzepte der arabischen und indischen Musik gesagt, deren komplexe Zyklen seit einer Weile auch das Schlagzeug erobern: Ihre additiven Zählweisen beschreiben das musikalische Geschehen einprägsamer als westliche Notationsweisen.

Das viertägige Festival im Haus der Kulturen der Welt beginnt zunächst mit einer Rückkehr zur Knüppelei der Horde. Im halligen, den Schall vielfältig brechenden Foyer versammelt sich eine Hundertschaft von Laien, um die von N.U. Unruh, dem Schlagzeuger der Einstürzenden Neubauten ersonnene Installation „Beating the Drum“ zum Leben zu erwecken. Auf Tischen ausgelegte Trommeln werden unerbittlichen Four-to-the-floor-Modus traktiert, wie ihn der Meister auf einer Videoleinwand vorgibt. Ein orkanartiges Work-out, vor dem erst die Hunde, dann die Kinder und schließlich die Erwachsenen auf die Straße fliehen. Und die HNO-Ärztin vor der Tür sagt: Hier kommt die Kundschaft von morgen früh.

Was der 1963 in Rio de Janeiro geborene Marcos Suzano mit seinem Trio danach im Saal versucht, bewegt sich am anderen Ende der Möglichkeiten. Wie Unruh kommt er ohne das klassische Drumset aus, doch mit seinem Pandeiro, einer kleinen, nur mit den Fingern und der Handinnenfläche gespielten, mikrofonverstärkten Rahmentrommel mit Schellen, ahmt er dessen Möglichkeiten perfekt nach.

Suzano versteht sich auf subtile, backbeatgetriebene Patterns, die Sérgio Chiavazzoli an der elektrischen Gitarre und André Carneiro am elektrischen Bass sichtbar Schub verleihen. Das ist aber auch schon das Beste, was sich über diese Virtuosennummer sagen lässt. Er mag sie wie vielleicht nur noch eine Handvoll anderer Pandeiro-Spieler beherrschen – sie ergibt nur keine lebendige Musik.

Das Trio wärmt einen gottserbärmlichen 80er-Jahre-Rock mit brasilianischem Einschlag auf. Von billigen Riffs aus hebt es manchmal in Richtung Fusion ab und stürzt gleich wieder in die schlimmsten Klischees ab: von Carneiro in Slapmanier, von Chiavazzoli in eitel heruntergenudelten, sich durch sämtliche Effektpedale klickenden Soli bedient.

Einbruch in eine Männerdomäne

Auch Terri Lyne Carrington, 1965 in Massachusetts geboren, ist mit der Fusionmusik der 80er groß geworden. Mit ihrem kraftvollen, funkbeeinflussten, groovestarken Präzisionsspiel, das von einer markanten Bassdrum und knalligen, relativ tief gestimmten Toms im Glitzerwald der Becken lebt, gehört sie zur Spitze eines Fachs, das zwischen Dennis Chambers und Vinnie Colaiuta sonst weitgehend eine Männerdomäne geblieben ist.

Aber wie breit ist ihre musikalische Palette, die sich, seitdem Jack DeJohnette sie als Mentor an die Hand nahm, vom Bebop bis in den Hip-Hop hinein erweitert hat. In ihrer neuen Band Social Science verschmilzt sie glücklich so ziemlich alles, was ihr unterwegs begegnet ist: Reste von Rhythm’n’Blues mit schroffer Indierock-Power, den hymnischen Jazzsong mit dem Rap – und das Ganze im Namen eines bürgerrechtlichen Aktivismus, der über Songtexte und dokumentarische Zuspielungen Position bezieht.

Dafür hat sie hervorragende Mitmusiker engagiert: die 26-jährige Sängerin Débo Ray, eine charismatische Absolventin des Berklee College, an dem auch Carrington unterrichtet, und Brian „Raydar“ Ellis als MC und Turntablist. Aaron Parks spielt Keyboards und übernimmt den Synthiebass, wenn Morgan Guerin zum Saxofon wechselt, und Matt Stevens zeigt seiner Gitarre, was die Zerrsounds des Rock dem Jazz beibringen können.

Ob Terri Lyne Carringtons Musik tatsächlich den Stand des Jazzschlagzeugs spiegelt, wie Kurator Detlef Diederichsen behauptet? Dafür haben schon technisch hochambitionierte Drummer wie Mark Giuliania in der Generation nach ihr auf eine Weise Schule gemacht, die sich kaum mehr überblicken lässt – nicht zu reden von den perkussiveren Gemütern. Doch keine Sorge: Bis Sonntag wird jeden Abend eine weitere Facette aufgeblättert – dann auch in Konkurrenz zu maschinellen algorithmischen Strukturen.

Programmdetails unter www.hkw.de

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