„The Bitter End“ im Ballhaus Ost : Desillusioniert durch Manhattan

Eine Erzählung mit Sogkraft: Die Performerin Esther Becker präsentiert ihre Stand-up-Tragedy „The Bitter End“ im Ballhaus Ost.

Esther Becker im Ballhaus Ost
Esther Becker im Ballhaus OstFoto: Florian Krauß

Es gibt goldene Regeln, die man befolgen sollte, wenn man sich an Stand-up-Comedy versucht. Das Performance-Kollektiv bigNotwendigkeit hat sie auf dem Programmzettel seines neuen Abends „The Bitter End“ gelistet. „Sei lustig!“, lautet die fraglos wichtigste. Eine andere Regel mahnt: „Lerne mit dem Mikrofon umzugehen!“ (Zusatz mit Sternchen: 30 Prozent aller Komikerinnen und Komiker sterben bei Kabelunfällen). Und noch einen Imperativ gilt es im Kopf zu behalten: „Eröffne niemals mit neuem Material!“

Das Problem ist, dass die Performerin Esther Becker gar kein altes hat, auf das sie zurückgreifen könnte. Es ist ihr erstes Mal als Komikerin. Ein Sprung ins kalte Wasser also. Auf der Bühne stimmt die Showband vor dem Glitzervorhang Easy-Listening-Töne an, sie wird sich später auch performativ einbringen. Zunächst aber swingt sich Becker solo aufs unvertraute Genre ein. Erzählt von ihren Anfängen als Schauspielerin in alternativen Musical-Produktionen („Peter Kürten Superstar“) oder einem Vorsprechbesuch am BE, wo sich Claus Peymann nicht blicken ließ. Alles lustig, und in ziemlich professioneller Geste der Alleinunterhalterin vorgetragen. Dann aber geht’s nach New York – und „The Bitter End“ nimmt wirklich Fahrt auf. Becker breitet einen Theatertext aus, der zwar mit dem Anekdotischen kokettiert, tatsächlich aber in eine Nachtwelt der existenziellen Ungewissheiten entführt – nicht von ungefähr lautet der Untertitel „a Stand-up Tragedy“.

Schöne Pfade ins Surreale

Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die nach Manhattan reist, um das „funny business“ zu lernen. Mit Bildern vom coolen Leben in der großen Stadt im Kopf und einem wackelfesten Selbstentwurf. Der allerdings schon durchs Apartment, das auf sie wartet, gründlich desillusioniert wird. Das sieht so gar nicht nach „Sex and the City“ aus, sondern entpuppt sich als dunkles Loch mit abgeschnittenen Fußnägeln auf dem Teppich und einem Gasgeruch, der nicht weichen will. Die Heldin, deren Kreditkarte den Dienst versagt, gerät ins Driften. Begegnet einer obdachlosen Hellseherin, die sich mit Büchern aus der Bibliothek bezahlen lässt, verliebt sich in den Trompeter Jimmy, den Sohn einer chinesischen Supermarktbesitzerin, wird beim Schwarzfahren erwischt und verliert sich zunehmend selbst.

„The Bitter End“ spielt mit Motiven aus der Romantik, nimmt schöne Pfade ins Surreale – und verhandelt dabei sehr irdische Themen. Zum Beispiel das Scheitern an Plänen, Hoffnungen und Träumen. Die Gattung Stand-up ist dabei von bigNotwendigkeit sehr smart gewählt, weil sie ein ziemlich pures Geschichtenerzählen erlaubt, ohne verstaubt zu wirken. Esther Becker performt den mäandernden Fluss ihrer Erzählung dabei großartig und mit Sogkraft. „Einfach so lange weitermachen, bis es keinen Sinn mehr ergibt, aufzuhören“, wie es hier so schön heißt.

Wieder am 20. und 21.10., 20 Uhr

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