Avignon betreibt eine rege Reparaturwerkstatt für Demokratiedefekte

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Theaterfestival Avignon : Schlachtfeld und Schutzraum
Eberhard Spreng
Szene aus "Tristesses" von Anne-Cécile Vandalem.
Szene aus "Tristesses" von Anne-Cécile Vandalem.Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Wo Layer und Lidell sich vor dem eigenen Komfort ekeln, macht die belgische Autorin und Regisseurin Anne-Cécile Vandalem deutlich, welchen Preis andere für den Wohlfühlkapitalismus zahlen müssen. Ihr Stück „Tristesses“ war eine der aufregenden Entdeckungen des Festivals. Vandalem erzählt von einem gewalttätigen Familienvater, der die Töchter in die Radikalisierung treibt, von politischen Machenschaften, die den Einwohnern einer verlassenen Insel die Existenzgrundlage entzogen haben. Von Opportunisten, Mitläufern, Opfern und Profiteuren, und von der Wahlkampagne einer populistischen Politikerin. Klug verwebt Autorin und Regisseurin Vandalem in ihrem Politthriller Privates und Politisches, wobei ihre kleine Insel Traurigkeit als Metapher für ein Europa in der Krise versteht. Ihr Ausgangspunkt waren Deleuze-Vorlesungen aus den Achtzigern, in denen der Philosoph individuelle Depression und Traurigkeit als Reaktion auf den Umstand beschreibt, dass Handlungsmöglichkeiten verschwunden sind.

Zwischen Psychothriller und Burlseke

Vandalem zeigt, wie diese neue Traurigkeit zum Mittel der Beherrschung ganzer Gesellschaften werden kann, zu terroristischen Aktionen führt und die abendländischen Demokratien unterminiert. In einem von kleinen Holzhäuschen geprägten Dekor wechselt ihre von Video unterstützte Inszenierung vom Genre des Psychothrillers bis zur Burleske eines mörderischen Endspiels, in dem sich die Bewohner der von Gott und dem Kapitalismus verlassenen Insel gegenseitig erledigen. Nun kann die demagogische Spitzenkandidatin der Volks-Erweckungs-Partei hier ihre Propaganda-Filmstudios errichten.

Unzulänglichkeiten der abendländischen Demokratien waren in verschiedenen Festival-Arbeiten Thema. Avignon betreibt eine rege Reparaturwerkstatt für Demokratiedefekte. Aber nicht alle Mechaniker wissen, an welchen Schrauben sie drehen müssen. Und nicht alle vertrauen dabei auf den Sog des Visuellen. Olivier Py hat vier Aischylos-Stücke zu einem Zyklus zusammengefasst, der die Grundlagen der europäischen Demokratien ausleuchten soll: „Der gefesselte Prometheus“, „Die Schutzflehenden“, „Die Sieben gegen Theben“ und „Die Perser“ in eigener, schlanker Übsetzung. Mit nur drei Akteuren hat Py diese bereits vor Jahren begonnene Arbeit an Aischylos Stücken zum Abschluss gebracht. So ist die Neuproduktion „Der Gefesselte Prometheus“ hier der Einstieg in ein ganz der klassischen Rhetorik vertrauendes Theater.

Nach seinem Shakespeare-Fiasko im letzten Jahr hat sich der Regisseur Olivier Py in der reduzierten Form auf die Grundvoraussetzungen seiner Kunst zurückgezogen. Der Festivaldirektor Olivier Py hat ein opulentes Festivalprogramm vorgelegt, ein großes künstlerisches Vergnügen. So viele aufregende Gastspiele und Premieren hat Avignon selten gesehen.

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