Ticciati, Kavakos und das DSO : Träum was Schönes

Robin Ticciati, Leonidas Kavakos und das Deutsche Symphonie-Orchester verbreiten gute Laune in der Philharmonie.

Der DSO-Chefdirigent Robin Ticciati
Der DSO-Chefdirigent Robin TicciatiFoto: Monica Menez / DSO

Ein Gute-Laune-Abend, bei dem ein zeitgenössisches Werk und eine Sinfonie von Anton Bruckner im Mittelpunkt stehen? Robin Ticciati macht’s möglich – indem er die Philharmonie mit seiner positiven Ausstrahlung förmlich flutet.

Durch eine fein ausgehorchte, wohltemperierte Interpretation von Debussys „L'après-midi d’un faune“ bezwingt der Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters zunächst die Unruhe im Saal. Dann sind die Besucher bereit, sich auf Lera Auerbachs 4. Violinkonzert einzulassen. Geschrieben hat es die 1973 in Tscheljabinsk am Ural geborene Komponistin für den griechischen Geiger Leonidas Kavakos. Die Uraufführung fand im März letzten Jahres in Auerbachs Wahlheimat New York statt, jetzt spielt Kavakos die deutsche Erstaufführung des in 13 „Träume“ unterteilten Opus. Und zwar mit einer klanglichen Süße, die man von dem für seinen radikalen Zugriff auf die Repertoireklassiker gefürchteten Interpreten überhaupt nicht gewohnt ist.

Vermutlich im Schlaf hatte Lera Auerbach die Eingebung, das groß besetzte Orchester um eine singende Säge zu erweitern. Die jammernde Stimme des Werkzeugs wirkt besonders effektvoll in einer Passage, die an Western-Wüstenszenen erinnert. Überhaupt ist in dem halbstündigen Stück ununterbrochen die Fantasie des Publikums gefordert, wenn Glocken klingen, Flageoletts flirren oder der Solist in einen Dialog mit der gestopften Posaune tritt. Dann wieder gibt es Klänge, bei denen man erst einmal auf der Bühne suchen muss, um zu sehen, welche Instrumente sich da gerade auf unerhörte Weise mischen.

Manifest des Positivismus

Auerbachs stilistische Promiskuität kommt gut an: rauschender, berauschter Applaus. Den wird es auch nach Bruckners siebter Sinfonie geben. Robin Ticciati erhebt sie zu einer Feierstunde der Melodieseligkeit. So glücklich, wie das hier alles klingt, ist ihr Schöpfer zwar nie gewesen, doch wenn die Musik sich prachtvoll verströmt, alle Pulse heftig schlagen, das Orchester zum atmenden Organismus wird, dann vermag dieser Zugriff schon zu faszinieren.

Mit seinen hingebungsvollen Mitspielern offeriert Ticciati ein klingendes Manifest des Positivismus, Wagners „Parsifal“ und Bruckners eigene Kirchenmusik, die nach Meinung der Musikwissenschaftler die Partitur geprägt haben, sind weit weg. Pathosfrei, mit nobler Emphase zieht das Adagio vorbei, rotwangige Wanderlust spricht aus dem Scherzo. Und dem Schlusssatz schließlich könnte man als Motto die finalen Verse aus Gottfried Kellers „Abendlied“ voranstellen: „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,/ vom goldnen Überfluss der Welt!“

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